Wer ist der Gral?

«Parsifal», zelebriert von Werner Herzog und Lorin Maazel in Valencia, kritisch befragt von Sandra Leupold und Catherine Rückwardt in Mainz

Das Werk steht als Rätsel vor uns. Es geht im sprichwörtlichen Sinne um eine Glaubensfrage: Was der Gral ist, oder eben nicht, liegt an der Perspektive dessen, der auf den Schrein schaut. Ist diese Perspektive eine gleichsam gottgewollte, gottwollende, gar gottgeweihte, so lässt sich in der Tat enormes kathartisches Potenzial im «Parsifal» behaupten und auch begründen. Für diese Perspektive, so man sie mit dem Zusatz des Futuristischen füttert, steht die Inszenierung von Werner Herzog im Palau de les Arts von Valencia: Hier wird eine Messe gesungen.

Ist die Perspektive jedoch eine agnostische, so kommt man nicht umhin, das Bühnenweihfestspiel («dieses letzte und heiligste meiner Werke», wie es sein Schöpfer nannte) auf seine Subtexte zu befragen. Schwer, allzu schwer fällt es, den Erlösergedanken als gültigen (religiösen) Inhalt zu akzeptieren. Schon Carl Dahlhaus, der sich dem Werk parteilos zu nähern suchte, konnte nicht mehr (und nicht weniger) als «unleugbar ein Dokument der ‹Kunstreligion› des 19. Jahrhunderts» sehen – ein Werk mithin, das Religion im klerikalen Sinn überwinden will, der Kunst religiöse Züge attestiert und dennoch, wie Wagner schrieb, den «Kern der Religion» ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Im Zeitlosen

«Die Frau ohne Schatten» ist gespickt mit Anspielungen und Motiven, mit Zitaten und Entlehnungen; sie lässt sich nicht wirklich inszenieren, ohne dass es an einigen Stellen gründlich hakt. Wer als Regisseur jeden Bezug, jedes Symbol mit einer Erklärung versehen möchte, ist schnell verloren.
Auf diesem Hintergrund verdient Guy Joostens Produktion für die Düsseldorfer...

Belcanto mit Joghurt

Doch. Man wird bei Laura Scozzis Neuinszenierung von «Benvenuto Cellini» drei Stunden lang gut, teilweise sogar blendend unterhalten. Aber nach der mit Spannung erwarteten ersten Opernpremiere des neuen Staatsintendanten Peter Theiler vermag ich dennoch nicht in Jubel auszubrechen. Denn der Abend war zwar kurzweilig und in sich stimmig, er bot zum Teil großartige...

Genuss ohne Reue

Schon wieder wird Versailles zweckentfremdet. Dabei ist zurzeit bereits – zum Missfallen mancher Traditionalisten – die monströse Kitschkunst von Jeff Koons in den Salons des ebenfalls wirkungsbewussten Ludwig XIV. zu sehen. Und jetzt hüpfen auch noch Touristenhorden tanzend durch die Spiegelgalerie, während das ewige Lob des Sonnenkönigs von Fremdenführerinnen...