Wenn niemand zuhört, nirgends

Gerhard Stäblers und Michael Jarrells kompositorische Auseinandersetzung mit Christa Wolfs Kassandra-Deutung

Das mythische Personal der griechischen Antike zählt seit jeher zu den wichtigsten Quellen des Musiktheaters. Das gilt nicht nur für die Barockoper und Schlüsselwerke des Fin de Siècle, sondern auch für zeitgenössische Entwürfe, welche die Konventionen und Rituale des Genres grundlegend in Frage stellen. Dass dabei eher gebrochene, an den Rand gedrängte Figuren ins Zentrum rücken, ist kein Zufall. Wer mit dem Schicksal hadert, am Lauf der Welt zweifelt, passt besser zum Krisenbewusstsein des post-utopischen Zeitgeistes als olympische Heroen.

In der einsamen Seherin Kassandra, die künftiges Unheil exakt vorhersagt, deren Warnungen aber niemand glaubt, scheinen die aktuellen Verstörungen wie in einem Urbild geronnen.

Gleich zwei (fast gleichaltrige) Komponisten unterschiedlicher ästhetischer Provenienz haben sich während der neunziger Jahre intensiv mit der kaltgestellten Prophetin beschäftigt – und dabei weniger auf Homer & Co. zurückgegriffen als auf die Umdeutung der Geschichte des Trojanischen Kriegs aus der Kassandra-Perspektive in Christa Wolfs 1983 veröffentlichter Erzählung. Gerhard Stäbler entwickelte, nach einem Librettotext von Hanns-Werner Heister, eine abendfüllende ...

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Opernwelt Februar 2010
Rubrik: Medien/CDs/DVDs, Seite 35
von Albrecht Thiemann

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