Wenn Kinder weinen

Dem Staatstheater Cottbus gelingt unter Leitung von Martin Schüler eine grandiose, gnadenlose Befragung von Humperdincks «Königskindern»

Im Theater gewesen. Geweint: So ließe sich dieser Abend mit zwei verknappten Sätzen umreißen, aber auch: einengen. Denn dieser Abend ist mehr. Es ist ein Abend, der erst lächeln macht, dann zusehends tief berührt und schließlich wie ein Messer in die Seele fährt; ein Abend mit markerschütternden Momenten, die davon erzählen, wie Menschen durch andere Menschen zugrunde gerichtet werden aus niederen Motiven. Kaum eine Hoffnung lebt hier auf.
Dabei hat alles so harmlos-heiter angefangen.

Martin Schüler zitiert in seiner Inszenierung, die, seltsam genug, als semiszenisch angekündigt war, es aber nicht ist – zunächst den Salon des aus­gehenden 19. Jahrhunderts. Salon, das hieß weiland: Wir frönen, und möge sie auch noch so ernst sein, der Kunst, damit das Leben heiter sei und werde. Richard Wagner war ein großer Verfechter dieser Idee, und Engelbert Humperdinck, ­einer seiner größten Verehrer, ein gern gesehener Gast in Bayreuth. Wa­rum, so Schülers Grundidee, also nicht einfach einen solchen Salon, wie er dereinst in der Villa Wahnfried stattgefunden hat, nachempfinden und auf der Bühne des Cottbuser Staatstheaters eine Oper aufführen lassen, die zwar erst 1910 in New York an der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten

Vergriffen
Weitere Beiträge
Frei flottierende Assoziationen

Im zeitgenössischen Kunstbetrieb ist Jonathan Meese schon seit ein paar Jahren everybody’s darling. Herumgereicht zwischen Berlin und Frankfurt, Köln und London, Mailand und New York. Das Theater hat ihn erst kürzlich entdeckt. Frank Castorf, das Ohr stets an den ­raunenden Untertönen des Zeitgeis­tes, nahm den jungen Bilderstürmer mit dem fettigen Langhaar für...

Fromme Tableaus

Venedigs neuer «Parsifal» stand zweifach im Zeichen der Trauer. Das Pub­likum gedachte Marcello Viottis, des kürzlich verstorbenen Musikchefs des Hauses, der die Produktion musikalisch leiten sollte. Zuvor hatten Gewerkschaftssprecher einen Appell verlesen, der die dramatischen Subventionskürzungen im Kulturbereich zum Thema hatte: Die Opernsituation Ita­liens sei...

Bananentheater

Wir kennen die Geschichte, aber wir kennen sie nicht in dieser Gestalt, nicht mit diesen Ausbuchtungen, nicht in dieser Konsistenz. Es ist eine andere Geschichte, die hier erzählt wird: eine Geschichte, in der die beiden anderen Geschichten, die gewöhnlich nacheinander erzählt werden, zusammenfließen wie zwei breite Ströme. Mit anderen Worten: Calixto Bieito und...