Wagner und mehr
Eine Mikrofonstimme hatte James King, der in diesem Jahr achtzig Jahre alt wurde, nie. Wer live erlebt hat, wie er etwa die große Szene des Kaisers in Strauss‘ «Frau ohne Schatten» aufbaute und steigern konnte – und zwar steigern im Sinne einer immer intersiver sich im Raum ausbreitenden, unforcierten Klangfülle –, der weiß, dass ein Mikrofon dergleichen nie einfangen kann. Kings gaumiger, kerniger Klang in der tiefen Lage war kein Knödel, sondern Bestandteil eines natürlich gewachsenen Timbres, sonst wären dem Tenor Partien wie Manrico oder Radames gar nicht möglich gewesen.
Die karge Diskografie seiner italienischen Partien wird nun vom Label Orfeo durch Ausschnitte aus «Otello» ergänzt. Wie bei den anderen Takes mit Wagner- und Strauss-Szenen handelt es sich um Mitschnitte von Münchner Rundfunkkonzerten. In seinen Memoiren erklärt King, Otellos Tod sei das Wichtigste in Otellos Leben: der Moment nämlich, wo er erkenne, dass Desdemonas Tod weniger die Folge einer Intrige ist, als vielmehr die seiner eigenen Charakterschwäche. Aus dieser Einsicht in ein Verantwortungsgefühl gestaltet King denn auch die Szene des vierten Aktes: Trauerflor ohne Selbstmitleid. Die anderen ...
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