Wagner: Tristan und Isolde

St. Petersburg

Das gibt es nicht alle Tage: ein «Tristan», der – bildreich und spannend inszeniert – wie in einem einzigen Augenblick vorüberzuziehen scheint. Ein großartiger Erfolg am Mariinsky Theater. Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov erzählt die Geschichte, als betrachteten wir einen Bergman-Film. Treffsicher umreißt er psychologische Motiva­tion, modelliert die Handlungspielräume in ei­nem polierten, designerhaften Umfeld.


Der erste Akt spielt in der Kajüte eines modernen Kriegsschiffes, in der die Navigationscomputer neben den Koffern und Kosmetiktaschen der Passagierinnen Isolde und Brangäne stehen. Es geht um den Übergang der handelnden Personen in die «andere», grenzenlose Welt der Liebe. Als Liebestrank erweist sich einfaches Wasser, die Bühne versinkt in Dunkelheit, Lichtstrahlen schneiden die in Ekstase stöhnenden Figuren von Tristan und Isolde heraus. Das Duett des zweiten Aktes findet in einem High­tech-Hotelzimmer statt, ein riesiges Fens­ter gibt den Blick auf eine nächtliche Megalopolis frei. Die szenische Spannung erreicht ihren Höhepunkt im Finale der Liebesszene: Als für Tristan und Isolde die Welt zu existieren aufhört, birst auch die Theaterrealität – die Stadt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2005
Rubrik: Kurz berichtet, Seite 55
von Boris Ignatov

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sozialdrama und Gleichnis

Hundert Jahre hat Leos Janáceks «Jenufa» inzwischen auf dem Buckel. Aber die Musik ist so unverbraucht und neu, als wäre sie gestern entstanden. Zu diesem Eindruck trug der erstmals am Frankfurter Opernpult stehende Hannoveraner GMD Shao-Chia Lü entscheidend bei. Klangschärfungen und harmonische Reibungen, deklamatorisch aufgeraute Passagen und instrumentaler...

Im Raubtierkäfig der Gesellschaft

Die eigentliche Überraschung des Werkes ist sein Lib­retto: ein seit mehr als vierzig Jahren unaufgeführt gebliebenes Stück von Peter Weiss. Dieses «Inferno» war von ihm geplant als Teil einer Trilogie nach Dantes «Divina Commedia», deren Abschluss die bereits 1965 uraufgeführte «Ermittlung» bilden sollte, ein seinerzeit viel gespieltes Paradigma-Stück des...

Wahn und Wirklichkeit

Ein Blackout der Lichtsteuerungsanlage, ein von Bronchitis geplagter Cavaradossi, eine Zuschauerin, die in Ohnmacht fiel – das waren die Begleitumstände für eine «Tosca»-Premiere, die es in sich hatte. Dass der in seinen theatralischen Aktionen dicht gedrängte Psychothriller doch noch künstlerisch überzeugen konnte, lag am insgesamt tüchtigen Ensemble, an Johannes...