Von der Gegenwart des Werks

Seit es professionelle Regie in der Oper gibt, seit etwa einem Jahrhundert also, provoziert sie ­Widerstand. Jürgen Fehling und Wieland ­Wagner wurden ähnlich bekriegt wie später Götz Friedrich oder Ruth Berghaus. So weit, so bekannt. Was die Diskussion derzeit bei ­Publikum und Kritik, aber auch unter Sängern und Musikern antreibt, ist kein grundsätzliches Miss­trauen gegen avancierte Opernregie und ihre Meister. Es ist Unmut über das, was von der jüngeren Generation kommt: ­Unzureichende Musikkenntnis, Egomanie, Bevormundung, fehlendes Handwerk lauten einige der Vorwürfe. Diese jedoch ­stammen nicht von den Ewiggestrigen (auch unter den Sängern), sondern von Künstlern, die Inszenierungen von Patrice Chéreau, Peter Konwitschny, Harry Kupfer mitgetragen haben. Und von Zuschauern, die diese Arbeiten als Bereicherung empfanden. Verirrt sich Opern­regie, nachdem der anti­bürgerliche Reflex ­ausgedient hat? Macht sich Willkür breit? ­Dominiert Dilettantismus? Wird Aktualität zum Krampf? Oder ist die Oper gerade dabei, sich wieder einmal zu verjüngen, ihren Werk­charakter neu zu bestimmen und sich für die Zukunft fit zu machen? Wir haben fünf ­führende Regisseurinnen und Regisseure zu ­einem Roundtable gebeten. Fünf Temperamente, fünf Wege der Ästhetik, fünf Erfahrungs­horizonte. Und ein Stück Ursachenforschung.

Opernwelt Die Erosion des sogenannten Bildungsbürgertums lässt sich leicht mit zwei Zahlen konkretisieren: Im Jahr 1958, ergab eine Studie, waren 58 Prozent der Opernbesucher in Deutschland unter fünfzig. Im Jahr 2005 waren es noch 26 Prozent. Was damit verschwindet, ist zweifellos auch ein Common Sense über das, was kulturell wichtig ist, was man kennen muss.

Was heißt es, unter diesen Bedingungen die ­alten Geschichten neu zu erzählen?

Andreas Homoki Die meisten Stücke, mit denen wir auf der Opernbühne zu tun haben, sind historischen Formen von Theater verpflichtet, die uns heute fremd sind. Darauf muss man reagieren, und deshalb erzählt man anders, als es in den Regieanweisungen steht. Mit jeder Generation wechselt die Ästhetik, und die Jüngeren sagen: «Das glaube ich nicht mehr.» So werden Stücke ständig in neue Formen übersetzt. Es geht da­rum, spannendes Theater zu generieren. Je weiter die Stücke von uns entfernt sind, desto unvermeidbarer wird dieser Prozess. Wenn ich mich einem Stück annähere, handelt es sich um eine rein persönliche Auseinandersetzung. Ich versuche, eine Aufführung zu erstellen, von der ich denke, dass sie mich fesseln würde. Natürlich hoffe ich dabei, ...

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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Diskussion, Seite 54
von Stephan Mösch, Albrecht Thiemann

Vergriffen
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