Vom Wahnsinn gezeichnet
Nach einem Jahr Pause melden sich die Trierer Antikenfestspiele mit neuem Konzept zurück: Künftig will man sich dem Wiederentdecken von Opernraritäten im römischen Amphitheater widmen. Zum Auftakt hat man, passend zum Spielort, Arrigo Boitos Schmerzenskind «Nerone» ausgegraben – jenes Werk, an dem der Verdi-Librettist jahrzehntelang herumgedoktert hatte, ohne es je zu vollenden.
Nach der Uraufführung durch Toscanini 1924 – sechs Jahre nach Boitos Tod – war die Oper bald in den Archiven verschwunden.
Szenische Produktionen waren Mangelware, konzertante Wiederbelebungsversuche blieben stets umstritten, was sich am drastischsten im Verdikt des New-York-Times-Kritikers zur US-Erstaufführung unter Eve Queler 1982 niederschlug: Er bezeichnete Boitos Partitur kurzerhand als «Mussolini Music». Die Trierer Aufführung belegt dieses Urteil nicht. Boitos Musik ist, so wie sie GMD Victor Puhl interpretiert, bisweilen monumental, in den Massenszenen gekonnt emotionalisierend, in der Charakterisierung der Figuren deutlich platter als «Mefistofele». Aber sie hat nichts Faschistoides. Dem durchschlagskräftigen, präzise arbeitenden, szenisch wie musikalisch auf hohem Niveau agierenden Chor kommt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2010
Rubrik: Festivals II / Panorama, Seite 67
von Dieter Lintz
Franco Leonis nachveristischer Einakter «L’oracolo», der 1905 in London seine Uraufführung erlebte, hatte durch den Einsatz des Baritons Antonio Scotti zunächst einen Langzeiterfolg an der New Yorker Met, verschwand nach dessen Bühnenabschied aber für Jahrzehnte in der Versenkung. Auch eine verdienstvolle Schallplattenproduktion der Decca (1975) unter Richard...
PROGRAMMTIPP: 20 Jahre arte
Vor zwanzig Jahren entstand arte dank des Entschlusses von zwei Staatsmännern und zwei Ländern, den Grundstein für ein europäisches Kulturfernsehen zu legen. Es war ein historischer Wendepunkt: die Zeit der deutschen Wiedervereinigung. Und die nach dem Krieg begründete deutsch-französische Partnerschaft war eine wesentliche Unterstützung...
Als John Christie 1934 zum ersten Glyndebourne Festival auf seinen Landsitz in den Sussex Downs lud, standen Mozarts «Figaro» und «Così» auf dem Programm. Ein Jahr später kamen «Entführung» und «Zauberflöte» hinzu. Den ersten «Don Giovanni» dirigierte der von den Nazis aus Dresden vertriebene Fritz Busch, im NS-Olympia-Jahr 1936. Regie führte damals ein anderer...
