Vogelflug
Prinz Harrys Enthüllungen der Sauereien im englischen Königshaus wirken fast wie das Greinen eines beleidigten Kindes im Vergleich zu dem Anblick, der sich uns am Beginn der Ouvertüre von Donizettis «Roberto Devereux» bietet. Auf der Bühne liegt die enthauptete Anne Boleyn in einer Blutlache, ihr Henker steht noch mit gezücktem Degen vor der Leiche; im Hintergrund die kleine Elisabeth. In dieser stummen Szene zu der vom Komponisten zitierten Musik der Hymne des Königreichs liegt schon der ganze Aberwitz, in den dieses Melodram führen wird.
Die Geschichte trägt tatsächlich das Gepräge des Irren: Die alternde Königin Elisabeth ist immer noch in ihren einstigen Geliebten, den titelgebenden Earl of Essex vernarrt. Es folgt eine romanhaft verzwickte Handlung um Hochverrat, (scheinbare) eheliche Untreue, eine parlamentarische Intrige sowie ein Missverständnis um einen bestickten Schal – ein Corpus Delicti wie das Taschentuch in Verdis «Otello». Die Königin rast in Eifersucht und unterschreibt Robertos Todesurteil – nicht jedoch aus Gründen der Staatsräson wie ihr Vater, sondern aufgrund emotionaler Verranntheit. Entgegen der geschichtlichen Wahrheit folgen die Abdankung und die Reise in ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Bernd Künzig
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Charles Laughton! In «The Paradine Case» aus dem Jahr 1947 spielt er einen Richter, der in privatem Rahmen die Frau ausgerechnet jenes Verteidigers angrapscht, der gerade alles unternimmt, um einen Freispruch in einem Mordprozess zu erwirken, der unter Laughtons Vorsitz stattfindet. Wenn sie als brave Gattin ihrem Mann helfen wolle, so das unausgesprochene...
Der «bedeutendste Sänger des Jahrhunderts» – dem Diktum Leonard Bernsteins würde wohl die Mehrheit der Opernliebhaber vehement widersprechen. Korrigiert man das Etikett jedoch auf «größter Liedsänger», fallen alle Gegenargumente mitsamt der Begrenzung auf eine Epoche unter den Tisch. Kein halbwegs musischer Mensch bezweifelt, dass Dietrich Fischer-Dieskau...
