Vogelflug
Prinz Harrys Enthüllungen der Sauereien im englischen Königshaus wirken fast wie das Greinen eines beleidigten Kindes im Vergleich zu dem Anblick, der sich uns am Beginn der Ouvertüre von Donizettis «Roberto Devereux» bietet. Auf der Bühne liegt die enthauptete Anne Boleyn in einer Blutlache, ihr Henker steht noch mit gezücktem Degen vor der Leiche; im Hintergrund die kleine Elisabeth. In dieser stummen Szene zu der vom Komponisten zitierten Musik der Hymne des Königreichs liegt schon der ganze Aberwitz, in den dieses Melodram führen wird.
Die Geschichte trägt tatsächlich das Gepräge des Irren: Die alternde Königin Elisabeth ist immer noch in ihren einstigen Geliebten, den titelgebenden Earl of Essex vernarrt. Es folgt eine romanhaft verzwickte Handlung um Hochverrat, (scheinbare) eheliche Untreue, eine parlamentarische Intrige sowie ein Missverständnis um einen bestickten Schal – ein Corpus Delicti wie das Taschentuch in Verdis «Otello». Die Königin rast in Eifersucht und unterschreibt Robertos Todesurteil – nicht jedoch aus Gründen der Staatsräson wie ihr Vater, sondern aufgrund emotionaler Verranntheit. Entgegen der geschichtlichen Wahrheit folgen die Abdankung und die Reise in ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Bernd Künzig
Ein Königreich für eine Wampe, pardon, für ein Embonpoint? Nicht in Nürnberg. Claudio Otellis Falstaff ist zwar kein James Dean und auch kein Casanova – ein Fettwanst aber ebensowenig. Seine Baritonstimme gleicht der Figur. Leicht füllig ist sie, dabei durchaus gelenkig, weder überbordend noch schwammig, eher stabil, gutsitzend in Mittellage wie Tiefe und...
Francis Poulencs vierzigminütiger Monolog «La voix humaine» ist eine Tour de force für eine Sopranistin. Auf der Szene dieser 1959 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführten dritten und letzten Oper des großen französischen Lyrikers steht nur eine einzige Person, eine namenlose, «Elle» («Sie») genannte junge Frau. Ihr Geliebter hat sie verlassen. In einem...
Eine verschleierte Frau auf die Bühne zu bringen, birgt gewisse Gefahren. Das Motiv ist derzeit stark konnotiert, der Vorwurf der Islamophobie liegt allzu nahe. Zwar lässt sich die «verhüllte» Königin der Nacht noch unter altägyptischem Mummenschanz verstecken, den es freimaurerisch zu entrümpeln gilt, auch Salomes sieben Schleier sind als erotisches Accessoire...
