Ungeheuer

Federico Maria Sardelli treibt die musikantische Vivaldi-Forschung mit dem Ferrareser «Farnace» von 1739 weiter

Farnace» ist die Geschichte eines aus dem Ruder laufenden Familienkonflikts. Berenice muss zusehen, wie Mann und Sohn vor ihren Augen zerhackt werden. Dann entführt und heiratet der Sohn des Mörders auch noch ihre Tochter. Die traumatisierte Ex-Königin rastet aus und paktiert mit dem Feind, um ihre Sippe auszulöschen. Das erinnert an Kriemhilds Rache, die Psychologie an Mozarts Königin der Nacht. Die exaltiert agierende, stimmlich rauchige Delphine Galou tut des Guten in Marco Gandinis Florentiner Inszenierung von 2013 aber zu viel.

Ergebnis: Die menschliche Tragödie bleibt äußerlich wie ihr Brustharnisch, die seelischen Abgründe bleiben verschlossen.

Schade. Denn Federico Maria Sardelli setzt auf modernem Instrumentarium ein unerschöpfliches Arsenal rhetorischer Mittel ein: Artikulationsfinessen, frei psychologisierende Agogik, rhythmische Pikanterien, dynamische Stufungen und – besonders auffällig – kurze Denkpausen nach jeder Phrase. Die scheinbare Flächigkeit des streicherdominierten Orchestersatzes gewinnt so Tiefenschärfe. Etwa in Berenices Vendetta-Arie «Da qual ferro»: Da schneiden die Streicher wie Sicheln durch die Luft und hacken wie Adlerschnäbel auf ihr Opfer ein. ...

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Opernwelt November 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Boris Kehrmann