Vexierbilder

Andrea Breth und Daniel Barenboim verrätseln in Berlin Alban Bergs «Lulu»

Bei aller Düsternis, Schwärze und depressiven Kraft hat der Abend auch etwas von einer Etüde. Er wirkt so, als wolle die Oper sich versuchsweise mit dem sogenannten postdramatischen Theater abgleichen. Als würde Andrea Breth, die nicht nur vom Schauspiel kommt, sondern auch Schauspiel unterrichtet, mal ausprobieren, wie viel man rüberholen kann in die andere Gattung. Also werden die Elemente des Theaters so kräftig auseinandergetrieben, wie es bei einer achtzig Jahre alten, für den Guckkasten geschriebenen Literaturoper eben geht.

Konkret heißt das: Der Text transportiert nicht mehr Rede und Gegenrede. Die Figuren sind keine Charaktere. Die Handlung läuft nicht mehr linear ab. Stattdessen: Ereignisse, die sich durch Wiederholung und Differenz ergeben; Vexierspiele, die sich gegen semantische Eindeutigkeit sträuben; autonom Theatrales, das hermeneutische Umarmungen von sich weist. Noch konkreter heißt das: Die Figuren singen und schauen sich nicht an, sondern aneinander vorbei. Sie spielen keine Geschichte, sondern bewegen sich starr und schablonenhaft. Doppelgänger allesamt. Untote, die schon einmal da waren und wiederkehren. Slow Motion ist angesagt. Ritual auch. Es gibt nicht ...

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Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

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