Bunte Luftballons

Verdi: Rigoletto
Essen | Aalto-Musiktheater

Das im Programmheft abgedruckte Gespräch mit dem Produktionsteam weist  den Weg: Betont soll die individuelle Schuld des rachsüchtigen Hofnarren, der gesellschaftskritische Impuls des Stücks hingegen relativiert werden. Rigoletto erwirbt seinen Buckel demnach erst durch seine rückgratlose Haltung, skrupellose Liebedienerei und seinen Zynismus. Der Buckel ist also nur ein «Zeichen», angedeutet durch einen etwas gebeugten Gang und Luftballons auf dem Rücken.

Die Ballons gehören zu seinem Clowns-Outfit, und es scheint ein Hauptvergnügen der Hofgesellschaft zu sein, sie geräuschvoll zum Platzen zu bringen.

Aber, mit Verlaub: Der Buckel ist nicht Folge oder Ausdruck von Rigolettos «moralischer Verkrüppelung», sondern deren Ursache. Seine von der Norm abweichende Gestalt verurteilt ihn zu einem Leben am Rande der Gesellschaft, und dieses «existentielle Außenseitertum» (Hans Mayer) ist das Movens der Handlung. Nebenbei ein Thema, dem neue Aktualität zuwächst, wenn ein Politiker, der Behinderte verspottet, nicht disqualifiziert wird, sondern ins Weiße Haus einzieht.

Dass mit der brutalen Ellbogenmentalität der herrschenden Clique ein bürgerlicher «Rückzug ins Private» mit deutlich ...

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Opernwelt März 2017
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Ingo Dorfmüller

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