Valse triste

Wahnsinn mit Glasharmonika: Donizettis «Lucia di Lammermoor» an der Hamburgischen Staatsoper

Es las sich wie eine Verheißung: «Lucia di Lammermoor» ungekürzt, mit neu durchdachten Verzierungen; die Wahnsinnsszene nicht wie üblich als Duett zwischen Flöte und Sopran, sondern mit Glasharmonika (wie von Donizetti vorgesehen). Dazu eine Begegnung der überfälligen Art: Belcanto meets Regie. Und Ensemblegeist. Kein Bahnhof herumreisender Kehlkopfakrobaten, keine pseudo-schottisch auskostümierten Auf- und Abtritte, sondern ein Sich-Verhalten zu einer Musik, die uns – allen Ohrwurmqualitäten, allem Callas-Mythos und Gruberova-Kult zum Trotz – doch sehr fern ist.



Dass die so viel versprechende Hamburger «Lucia»-Premiere enttäuschte, lag an mehreren Faktoren, die – je länger der Abend, desto mehr – ineinander griffen. Simone Young wedelte zwar viel (mal grazil, mal feldherrenhaft) mit Oberarmen und Händen, aber sie konnte doch kaum vermitteln, was diese Musik mehr als alles andere braucht: eine geerdete rhythmische Souveränität, die erst die Basis für melodische Entfaltung und Freiheit schafft. Hamburgs Staatsopernchefin war pausenlos um Kontrolle bemüht, genauer: um schlichte, musikalische Kongruenz zwischen Orchester und Bühne, und sie musste das sein, weil sich kaum ein Tempo und ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Kuss der Venus

Tannhäuser hat es zu etwas gebracht. Herrschaftlich ist die teure Halle des Anwesens, das Kasper Bech Holten schon zur Ouvertüre präsentiert. Scharen von Dienstboten treffen unter den wachsamen Augen von Hausherrin Elisabeth Vorbereitungen für das angesetzte Sängerfest. Sie zählen Tischtücher, und sie polieren Gläser, während der Künstler an seinem Schreibtisch auf...

Die zwei Gesichter der Moderne

Schon 1955 wies Theodor W. Adorno in «Das Altern der Neuen Musik» auf die Gefahr dogmatischer Verfestigung des «Serialismus» in der Darmstädter Schule hin, die manchen, wie etwa Henze, als ästhetische Zwingburg des Avantgarde-Radikalismus erschien. Wobei die monolithische Wucht der Institution sicher überschätzt wurde. So einig waren sich damals Stockhausen, Nono...

Vom Geist der Kreatur

Beinahe ist «Immolazione» doch noch eine Oper geworden. Auch wenn immer fraglicher erscheint, ob Hans Werner Henze noch jemals die Kraft zur Komposition einer weiteren abendfüllenden Oper aufbringen wird, umkreisen die letzten Werke des 83-Jährigen doch den Begriff des Musiktheaters. Jedes auf seine Art – als ob diese so luziden wie verknappten Alterswerke von...