Tragödie aus Feuer und Licht

Die «Uraufführung des Jahres» fand am 28. Februar 2010 in der Wiener Staatsoper statt: «Medea» von Aribert Reimann, nach dem dritten Teil von Franz Grillparzers Trilogie «Das Goldene Vlies». Ein Spätwerk des 1936 in Berlin geborenen Komponisten, insofern es die musikalischen Mittel reduziert, die Instrumentengruppen vielfältig auffächert und die Klangmischungen raffiniert austariert. Trotzdem ist «Medea» für ein reich besetztes Orchester geschrieben: Im Graben saßen die Wiener Philharmoniker (alias Staatsopernorchester), und der Komponist wusste das zu nutzen. Singstimmen sind ohnehin seine Spezialität: Für sie schreibt er mit selten gewordener Kennerschaft. Die Sänger in Wien waren optimal zusammengestellt und bewältigten ihre Aufgaben virtuos – allen voran Marlis Petersen in der Titelpartie und Adrian Eröd als Jason. So kam das Stück, musikalisch geleitet von Michael Boder, nicht nur bei der Presse, sondern auch beim Publikum an. Die Ovationen nach der Premiere dauerten 25 Minuten. Am 30. November, 3. und 7. Dezember 2010 gibt es eine Wiederaufnahme, die für DVD mitgeschnitten wird. Koproduziert wurde «Medea» von der Oper Frankfurt, wo sie im September und Anfang Oktober 2010 lief – mit völlig anderer Besetzung. Dirigent war Erik Nielsen. Claudia Barainsky und Michael Nagy gaben Medea und Jason neue Stimm- und Charakterfarben. Diese Produktion soll auf CD erscheinen.

In einem Darmstädter Vortrag von 1961 dachte Theodor W. Adorno darüber nach, was künstlerische Utopie bedeutet. Seine Antwort: «Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.» Das konnte, über alle Sentenzhaftigkeit hinaus, konkret auf die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre bezogen werden. Und es hatte weitreichende Folgen. In der Oper bedeutete der viel zitierte Spruch beispielsweise einen Einspruch: Komponisten, die sich einfach ein Schauspiel aus dem Bücherregal greifen und es in Musik setzen, seien kaum ernst zu nehmen. Nicht zukunftsträchtig, hieß das Verdikt.

Weil da mit vorgestanzten Mitteln nur etwas bereits Vorhandenes bedient werde. Weil das ohnehin nur auf eine Verdoppelung hinauslaufe, auf Verflachung und Vampyrismus. Adorno wusste, wovon er sprach: Allein zwischen Ende 1945 und 1950 fanden im deutschsprachigen Raum über hundert Ur- und Erstaufführungen statt, die auf Weltliteratur zurückgriffen. Auch die folgenden Jahre waren voll davon. Was natürlich kein Zufall ist. Gerade im besiegten, nach Identität suchenden Deutschland der Adenauer-Jahre verlangten die Menschen nach festen, unzerstörbaren Werten. Literatur als Oper wärmte die Herzen und füllte die ...

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Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: Uraufführung des Jahres 2010, Seite 14
von Stephan Mösch

Vergriffen