Unter Tränen
Die Gesten der Musikerinnen und Musiker des Balthasar-Neumann-Ensembles stehen für mich symbolhaft für diese – unglaublichen – zurückliegenden zwölf Monate. Wie sie sich am 1. November, nach einer Matinee im Festspielhaus Baden-Baden, unter Tränen voneinander verabschiedeten, sich in den Armen lagen. Im Wissen, dass tags darauf eine neuer Lockdown kommen würde, de facto: erneut Arbeitsverbot. Dabei hatte die Saison so hoffnungsvoll begonnen.
«Così fan tutte» und «Elektra» in Salzburg waren so etwas wie Hoffnungsboten eines Miteinanders trotz Corona, unter Einhaltung strenger Regeln.
Ich habe im Nachhinein nie verstanden, dass das Salzburger Festspiel- und Hygienekonzept, hinter dem so viel Verantwortungsbewusstsein und der unbedingte Wille, im Jubiläumsjahr weiterzumachen, steckten, von der Politik nie als Beweis für ein «Kultur ist möglich – auch in Coronazeiten» herangezogen wurde. Immer hieß es, es seien nur keine Fälle von Ansteckungen bekannt, aber man wisse nichts über die Dunkelziffer, über die Ansteckungsrisiken auf den Wegen zu und von den Veranstaltungen. Damit wurde gewissermaßen die Beweislast umgekehrt – der Angeklagte namens Kultur muss seine Unschuld beweisen. Eines ...
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Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Umfrage Kritikerstatements, Seite 97
von Alexander Dick («Badische Zeitung», Freiburg)
Die Sängerinnen und Sänger des Staatstheaters Karlsruhe verbeugen sich beseelt lächelnd nach der im Mai live gestreamten Premiere von Giacomo Puccinis «Gianni Schicchi» in Richtung Kameras. Ansonsten bleibt es still. Das Publikum ist abwesend. Wenn die Oper keine einseitig kommunizierende Röhre ist, dann war die zu Ende gegangene Spielzeit eine katastrophale, die...
Beginnen wir mit einem Zitat von Carolin Emcke, aus deren Pandemie-Tagebuch: «Wenn wir jetzt nicht nachweisen, was wir können, wenn wir jetzt nicht begründen, warum es uns, die wir Geschichten erzählen, fiktive oder nicht-fiktive, die wir die Wirklichkeit verwandeln oder beschreiben, die wir Trost spenden oder Wissen vermitteln, die wir Wörter oder Konzepte wiegen...
In Mozarts Musik gibt es Momente einer unwirklich überwirklichen Hoffnung. Ebenso unwirklich und überwirklich wie die Situation, in der ich sie im vergangenen Jahr, nach viermonatiger Schließung der Konzertsäle und Opernhäuser, erstmals wieder hörte, in «Così fan tutte» bei den Salzburger Festspielen. Man hatte etwas riskiert, in einer unüberschaubaren Lage – die...
