Überfluss und Kargheit
Man ist überwältigt. Von der Fülle, von der Akribie, von der Schönheit, von der Fantasie, aber eben auch von der Wandlungsfähigkeit. Das Universum des Bühnenmenschen Jürgen Rose umfasst nicht nur das Bild einer Szene vom ersten Nagel bis zur letzten Dessous-Naht, sondern längst auch die Regie, das Dirigieren von Menschen im Raum, das Erfinden von Konzepten. Es ist zudem eine Welt, die aus Überfluss und Kargheit besteht, aus akribisch belebter, nicht rekonstruierter Vergangenheit und unmittelbarer, poetisch überhöhter Gegenwart.
Eine künstliche Sphäre jenseits der unseren, aus Gold und Rupfen, Glimmer und Sand, Samt und rohem Holz, Tribalprints und Rocaillen.
Und ihm gelingt auf der Bühne immer eine Aura, die klug ist und trotzdem spontan wirkt, üppig und doch überraschungsvoll. Das ist bereits in einer seiner ersten Ausstattungen zu erleben, einer, die – ein wenig modifiziert – bis heute weltweit auf diversen Ballettbühnen zu sehen ist: der zu Prokofjews «Romeo und Julia» in der Choreografie von John Cranko. Was der südafrikanische Tanzschöpfer 1962 in dem damals 25-jährigen Ostdeutschen aus Bernburg an der Saale sah, das hat sich bis heute, mehr als 50 Jahre später erfüllt: eine ...
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Opernwelt August 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 30
von Manuel Brug
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Der Himmel ist blau, Möwen ziehen schräg durchs Blickfeld, eine Frühsommerbrise weht über das Ij, die Binnenalster von Amsterdam. Du liegst am Kai in einem blendend weißen Bett, neben dir eine sommersprossige Schöne, die dir Geschichten ins Ohr raunt ‒ von Kindern, die nachts aufwachen und ihre Eltern suchen, von der Hoffnung auf Glück und der notwendigen...
«Juditha triumphans» auf der Opernbühne? Ein venezianisches Publikum im 18. Jahrhundert hätte dagegen wohl Einwände erhoben: zu wuchtig der Klang des opulent besetzten Orchesters (zu teuer im Übrigen auch fürs Budget des Impresarios), zu viele Chöre und kein einziges Duett, die Hierarchie der Figuren zu flach, stattdessen gleich fünf Sängerinnen im Ensemble mit...
