Überfluss und Kargheit
Man ist überwältigt. Von der Fülle, von der Akribie, von der Schönheit, von der Fantasie, aber eben auch von der Wandlungsfähigkeit. Das Universum des Bühnenmenschen Jürgen Rose umfasst nicht nur das Bild einer Szene vom ersten Nagel bis zur letzten Dessous-Naht, sondern längst auch die Regie, das Dirigieren von Menschen im Raum, das Erfinden von Konzepten. Es ist zudem eine Welt, die aus Überfluss und Kargheit besteht, aus akribisch belebter, nicht rekonstruierter Vergangenheit und unmittelbarer, poetisch überhöhter Gegenwart.
Eine künstliche Sphäre jenseits der unseren, aus Gold und Rupfen, Glimmer und Sand, Samt und rohem Holz, Tribalprints und Rocaillen.
Und ihm gelingt auf der Bühne immer eine Aura, die klug ist und trotzdem spontan wirkt, üppig und doch überraschungsvoll. Das ist bereits in einer seiner ersten Ausstattungen zu erleben, einer, die – ein wenig modifiziert – bis heute weltweit auf diversen Ballettbühnen zu sehen ist: der zu Prokofjews «Romeo und Julia» in der Choreografie von John Cranko. Was der südafrikanische Tanzschöpfer 1962 in dem damals 25-jährigen Ostdeutschen aus Bernburg an der Saale sah, das hat sich bis heute, mehr als 50 Jahre später erfüllt: eine ...
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Opernwelt August 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 30
von Manuel Brug
«Verdi ist der am schwierigsten zu inszenierende Opernkomponist» – so Sergio Morabito 2013 in einem Interview. Verdis erfundene Wirklichkeiten beharren unerbittlich auf Ort, Raum und Zeit. Flotte Aktualisierung der Emotionen, Charaktere, Situationen und Geschichten, mit denen sie spielen, verfehlt ihren Sinn. Jossi Wieler und Sergio Morabito sind darum in ihrer...
Wunderbar, wie in der Ouvertüre die Soloklarinette als jäh aufschießende Flamme die Allegro-Erregungen des Orchestertuttis durchbrach, an Klangmacht der impetuösesten Trompete nicht nachstehend und doch so viel verwandter einer transzendierten Menschenstimme. Auch die Hörnergruppe des Staatsorchesters, leicht aufgeraut und virtuos eloquent, hatte unter der...
Es kommt nicht oft vor, dass ein Regisseur in Glyndebourne zwei Produktionen gleichzeitig laufen hat. Noch dazu Opern mit Sprechtexten: Für das Singspielformat hat sich das englische Publikum nie recht erwärmen können, schon gar nicht im Original. Bei der «Entführung aus dem Serail» trauen sich die meisten ja nicht mal, den deutschen Titel zu benutzen – zu riskant,...
