Übercandidelt

Bernstein: Candide
Berlin | Komische Oper

Opernwelt - Logo

Der Schlausten einer ist er nicht – wohl aber einer der naivsten. Von einer Katastrophe in die nächste taumelt der arme Candide. Anscheinend immer zur falschen Zeit am falschen Ort, gerät er als Soldat in den Krieg, in die Fänge der Inquisition, wird zum Mehrfachmörder und überlebt – auf wundersame Weise, wie alles andere – selbst das schwerste Erdbeben. Und als er schon das Schlimmste überstanden hat, dämmert ihm langsam, dass diese Welt doch nicht «die beste aller möglichen Welten» ist, wie es ihm sein Lehrer einbläute.

Wiederholt trifft er während seines Ritts um den Globus diesen Doktor Pangloss, seine Liebste Kunigunde und die anderen Mitschüler – allerdings nur, um sie sogleich erneut zu verlieren. Candide, der Tropf. Trotz allem ein Optimist bis zum Schluss: dem kollektiven Rückzug in die Natur.

Mit Voltaires «Candide» vertonte Leonard Bernstein jenes Stück, mit dem der Autor den Leibniz’schen Optimismus ad absurdum führt. Das Absurde nahm Barrie Kosky als Auftrag für seine Inszenierung dieser Odyssee durch die Unwahrscheinlichkeiten an der Komischen Oper in Berlin. Das Stück ist schwer zu fassen, changiert zwischen Musical, Operette – und wohl auch Oper. Der Wortanteil ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Nora Sophie Kienast

Weitere Beiträge
Apropos... Extreme

Frau Sun, Ihr jüngstes Projekt «Kolik» ist eins der extremsten Stücke seit Langem. Sie sind darin als Sängerin, Schauspielerin und Stimmperformerin gefordert. Was macht den Reiz einer solchen Arbeit für Sie aus?
Zunächst die Tatsache, dass der Protagonist im Original-Monolog ein Mann ist. Dann die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten, ihre Gegensätzlichkeit. Ich...

Die Untergeher

Eine ähnlich radikale Umdeutung von Mozarts «Idomeneo», wie Peter Konwitschny sie jetzt in Heidelberg herausgebracht hat, war wohl noch nie zu sehen. Wenn am Ende des zweiten Akts das vom Meeressturm entsetzte Volk den Namen des Schuldigen fordert, entert der verzweifelte Titelheld, wie in einem Amoklauf den Gott Neptun verfluchend, das im Hintergrund auf der...

Kunstschnee und Konfetti

Nun hat der neue Musikchef also offiziell seinen Einstand gegeben. Mit einer neuen «Traviata», die Willy Deckers legendäre, aus Salzburg übernommene Inszenierung (2010) ersetzt. Wie ein Held wurde Yannick Nézet-Séguin schon gefeiert, bevor der erste Takt der Ouvertüre erklungen war. Als der Dirigent nach der Premiere den frenetischen Schlussapplaus entgegennahm,...