Emily Newton (Tatjana); Foto: Anke Sundermeier/Theater Dortmund
Trophy Wife Tatjana
Vermutlich spielt sich das Ganze, wie die Regisseurin Tina Lanik es sich ausgedacht hat, in Tatjanas Kopf ab. Eine Leseratte, die bebrillte Nase dauernd in Büchern. Und durch ihr Leserattenzimmer, das Jens Kilian als riesigen Holzkubus gebaut hat, sind Wäscheleinen gespannt, an denen beschriebene Blätter hängen: Wer so viel liest, will auch schreiben, womöglich noch mehr Briefe als den an den Nachbarn Onegin.
Der Würfel lässt sich auch drehen, dann sieht man die Landfrauen draußen sitzen, beim Marmeladekochen, von früher schwatzend, mit Zigarettchen, Likörchen, was das Leben eben erträglich macht.
Tatjana aber will mehr, alles, Liebe. Doch sie adressiert den eindeutig und von Anfang an Falschen. Simon Mechlinskis Onegin sieht nicht übel aus und singt ordentlich, aber er ist ein Holzkopf. Nicht bloß, als er Tatjanas Liebestext stumpf zurückweist; auch am Ende, als er sie – der Würfel ist jetzt ein urbaner Glitzerkubus im Neureichenstil der Sixties – beim Fürsten Gremin wiedertrifft und nun durch die Wand will, zur Glamour-Tatjana. Das geht nimmer gut, kann und konnte nie, und leider ist uns das nicht nur schon vollkommen klar, sondern auch vollkommen schnuppe. Ein Missverständnis. ...
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Opernwelt Februar 2018
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Holger Noltze
Zwei Orpheus-Opern aus dem frühen 17. Jahrhundert: Auf der einen Seite Monteverdis favola in musica «L’Orfeo» aus dem Jahr 1607, ein früher Höhepunkt der noch jungen Gattung, auf der anderen Luigi Rossis gleichnamige tragicomedia, die 40 Jahre später am Pariser Hof zur Uraufführung gelangte und als von Kardinal Mazarin bewusst gesetzte Geste einer Italianisierung...
Das Kultbuch vom «Cornet» mit seiner rauschhaften Mischung aus virtuoser Sprachkunst und Kitsch, schwüler Erotik und poetischer Einbildungskraft hat immer wieder Komponisten angezogen. Casimir von Pászthory hat es noch zu Lebzeiten Rainer Maria Rilkes als Melodram vertont, Siegfried Matthus 1985 sogar veropert. Am seltsamsten mutet die fast zeitgleiche...
Es kommt selten vor, dass man sich an einer Koloratursopranistin nicht satthören kann. Im Fall der Französin Mady Mesplé (*1931) geht es mir so. Sie besitzt eine Stimme von unverwechselbarer Qualität und pflegt einen ausgeprägten Personalstil; dennoch klingt bei ihr kein Stück wie das andere, überrascht sie mit immer neuen Farben und Nuancen. Das Porträtalbum, das...
