Trauerrituale
Ein leises Rauschen flutet den Saal, es ist kaum zu hören. Alles fließt. Woher kommen diese sanften, unsichtbaren Wellen? Aus dem planen, grünblauschwarz schimmernden Firmament? Von den elf kalt leuchtenden Röhren, die wie Brennstäbe das minimalistische Bühnenbild durchstechen? Oder von der erhöhten, leicht gekippten Glasscheibe und dem fragilen Stelzensteg, der nach rechts oben ins Off führt? Wasserklang. Er hallt aus einem fernen Nirgendwo. Auch in der Musik, die auf den Wogen blüht.
Ohne Vorspiel wollte Toshio Hosokawa sein Requiem für die Opfer des Tsunamis beginnen lassen, der nach einem schweren Seebeben im März 2011 die Nordostküste Japans verwüstete. Mit zwei großen Trommeln, vier Bongos, einem Gong – in zweifachem Piano. Und den in Sekundabständen gestaffelten Violinen. Wie Seegras gleiten sie auf dem zugespielten «ocean sound». Bald schwimmen eine Harfe, vier Hörner und die tiefen Streicher mit. Dann die Holzbläser, drei Posaunen und eine Tuba. Ein irisierendes Geflecht, schwerelos driftend, eins mit dem ungreifbaren Element, das es umfängt.
Ein dumpfes Grollen füllt den Raum, schwillt an bis zu einem donnernden Fortissimo. Es dringt aus dem Graben. Vier Schlagzeuger tun ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann
Es schwinden jedes Kummers Falten, solang des Liedes Zauber walten», dichtete Schiller 1795 fast stammbuchhaft. Etwa eineinhalb Jahrhunderte später freilich, nach 1945, galt das Lied vielen Tonschöpfern als antiquiert; sie ließen es allenfalls als Parodie weiterleben. Doch einige der avancierten Komponisten akzeptierten dieses Abdrängen in ein ästhetisches Getto...
Wenn man ihn des Diebstahls geistigen Eigentums bezichtigte, pflegte Händel sarkastisch zu reagieren: «Diese Dummköpfe», soll er gepoltert haben, «wissen doch gar nichts mit einer guten Idee anzufangen.» Oft lag er damit richtig. Doch Alessandro Scarlatti, dem er nicht nur eine Vielzahl an melodischen Einfällen, sondern auch Vorbilder für die prägnante Gestaltung...
Nächstes Jahr ist Schluss. Schluss mit den anstrengenden, zeitraubenden Auftritten auf der Opernbühne. Die Marschallin will Renée Fleming noch einmal geben, in der kommenden Saison, wenn Christoph Waltz seine «Rosenkavalier»-Inszenierung aus Antwerpen an Covent Garden auffrischt (mit Andris Nelsons am Pult). Und dann ein letztes Mal an der Met. «Niemand soll sagen...
