Bo Skovhus (Wozzeck), Camilla Nylund (Marie) in Düsseldorf; Foto: Monika und Karl Forster

Todeszonen

Alban Bergs «Wozzeck» in Düsseldorf und am Theater an der Wien

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Die Wanduhr steht auf 6:57. Zwei, drei, vielleicht fünf Minuten, dann wird es vorbei sein. Von der Seite schauen Wachleute ungerührt zu dem Mann herüber, der, auf einer Pritsche festgeschnallt, noch mal den Kopf hebt und verzweifelt durch das bruchsicher verglaste Fenster blickt, hinter dem eine Gruppe Zivilisten sitzt, stumme Zeugen seiner Hinrichtung. Das Rollpult mit den Ampullen ist betriebsbereit, die Schläuche zur Armvene sind fixiert. Das Gift kann fließen. Ein Justizbeamter in Westernstiefeln prüft die Zeit, während ein Geistlicher den Delinquenten nach letzten Worten fragt.

«Hopp, hopp», stammelt der, und es ist, als drücke die ganze Not seines geschundenen Lebens diese Laute nieder. Es sind die Worte, mit denen Mariens Knabe am Ende von Alban Bergs Büchner-Oper auf dem Steckenpferd zur toten Mutter reitet. Hier sind es Wozzecks Worte.

Stefan Herheim und sein Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach rollen das Drama gleichsam von hinten auf. Als rasenden Film, der im Moment des Sterbens abläuft. Kopfkino aus der Todeszone. Die Streicher der Düsseldorfer Symphoniker setzen gerade zum ersten, abschüssigen Glissando an, die Holzbläser zum sprunghaften Geplapper, das die ...

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Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrcht Thiemann

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