Tiefgründig
Krähe, wunderliches Tier. Hockt da dürrbeinig auf der Stuhllehne, neigt, wie von Geisterhand berührt, von Zeit zu Zeit den Kopf, lauscht dann erneut dem leisen Gesang der dem Wahn Verfallenen, die im wallend weißen Nachthemd vor ihr sitzt und manisch die Hände aneinanderreibt, so als könne sie damit jene schwere Schuld tilgen, die sie auf sich geladen hat. Schon in Schuberts «Winterreise» stand der merkwürdig-verschrobene Vogel für Vergänglichkeit, für Irritation, ja für den Tod. Und so ist es auch hier.
Lady Macbeth hat ihr Leben verwirkt, nun bleibt ihr nur noch diese letzte große Abschiedsszene: «Vegliammo invan due notte», nachtwandlerischer Gesang, mehr Traumbild als Realität, gespickt mit zauberhaftesten Pianissimo-Tönen und weitgespannten, sich ins Herz bohrenden Linien.
Maria Callas hat die Partie nur einmal auf der Bühne gesungen, sie war die vielleicht beste Lady aller Zeiten. Doch Anna Netrebko kommt ihr in der Wiener Staatsoper nun sehr, sehr nahe. Ihr Sopran besitzt eine ähnlich suggestive Energie, diesen kaum spürbaren Hauch des Entrückten, der für diese Gran Scena del Sonnambulismo im vierten Akt von Verdis Musikdrama «Macbeth» eine so ungeheure Wirksamkeit ...
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Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Jürgen Otten
Man ist es zwar langsam leid, immer wieder die Pandemie bemühen zu müssen. Doch mit den viralen Verwerfungen wird sich der Kulturbetrieb wohl noch lange herumschlagen müssen. Was zunehmend schmerzlich erfahrbar wird, ist allenthalben spürbare Diskontinuität. Ehe sich im November 2020 die Vorhänge auf unbestimmte Zeit schlossen, waren in Österreich die ersten...
Der Tod sitzt mit am Tisch auf Burg Kareol. Neun Kinderpuppen in blauer Krankenhauskleidung, von ganz klein bis jugendlich groß, sind da an einer langen Tafel zum Abendmahl vereint, vor sich leere Teller und halbgefüllte Gläser. Und allen sieht man an, dass der Krebs in ihnen wütet, leukämisch vermutlich. Die Schädel blank, wie ebenfalls der des jungen Mannes, den...
«Mazeppa» – ein Werk über die Ukraine und Russland? Im Bolschoi Theater? In der heutigen Zeit? Wo wir uns täglich schämen wegen der Annexion der Krim, des Kriegs in der Ostukraine und vielem anderen mehr? Eigentlich geht das Bolschoi Theater Bühnenwerken dezidiert politischer Natur aus dem Wege. Warum aber setzt es gerade diese Oper Tschaikowskys aufs Programm, die...
