«Ein Konzert von Geschichten»

Ariosts «Orlando furioso» (oder eben: «Rasender Roland») liest sich oft wie ein brandneuer Science-Fiction-Roman. Figuren verschwinden und tauchen plötzlich wieder auf, sie segeln durchs All, Zeit und Raum sind aufgehoben. Alles geht. Liebe, Lust und Wahnsinn liegen nahe beieinander. Kaum verwunderlich, dass Komponisten seit den Anfängen der Oper zu diesem Meisterwerk der Unterhaltung griffen. Und sie taten es bis ins 19. Jahrhundert hinein. Ein Essay über eine der wichtigsten Stoffquellen der Oper überhaupt

Die europäische Barockoper beruht auf einem eng begrenzten Stoffvorrat, den die Librettisten hauptsächlich der antiken Geschichte und Mythologie entnahmen. Vollends in die Bahnen der klassischen Überlieferung geriet das Musiktheater, als mit dem Seria-Modell der durch die Arkadier um 1700 in Gang gebrachten und durch den Wiener kaiserlichen Hofpoeten Pietro Metastasio um 1730 vollendeten Reform das Vorbild der französischen Tragédie eines Pierre Corneille und Jean Racine auch für die Opernbühne wirksam wurde.

Aus dieser genormten, stilisierten Regelhaftigkeit des hohen Tons, die sich aller Möglichkeiten des niederen Genres begab, brachen nur zwei Stoffkreise aus, die bald zu den populärsten Librettovorlagen der höfischen Barockoper gehörten: Ludovico Ariostos «Orlando furioso» («Der rasende Roland») und Torquato Tassos «Gerusalemme liberata» («Das befreite Jerusalem»). Es ist sicher kein Zufall, dass Georg Friedrich Händel in den 1730er-Jahren, als er einem veränderten Geschmack seines Londoner Publikums Rechnung zu tragen suchte, mit «Orlando» (1733), «Ariodante» (1735) und «Alcina» (1735) gleich dreimal zu Ariosts damals in ganz Europa verbreiteter epischer Dichtung griff.

Ein ...

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Opernwelt Juni 2010
Rubrik: Thema, Seite 32
von Uwe Schweikert

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