«Streiter für das Heiligtum»

Im Juli 1883 unternahm der dreiundzwanzigjährige Gustav Mahler eine Pilgerreise nach Bayreuth, wo er tief bewegt dem «Parsifal» beiwohnte. «Als ich, keines Wortes mächtig, aus dem Festspielhaus hinaustrat», schrieb er an Fritz Löhr, «da wußte ich, daß mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war, und daß ich es unentweiht mit mir durch mein Leben tragen werde.» Der Musikwissenschaftler Constantin Floros hat schon in seinem 1998 erschienenen Mahler-Buch auf die Tatsache hingewiesen, dass Gustav Mahler «ein eingefleischter Wagnerianer», nicht nur ein Mozartianer war.

Die Verehrung der Werke Mozarts und Wagners sei zur «Richtschnur seines Handelns und Wirkens an den Opernbühnen» geworden. Konnte Mahler eine Aufführung nach seinen Vorstellungen nicht realisieren, zog er es vor, sie zu boykottieren, ob in Olmütz, in Wien, in Kassel, Budapest, Hamburg, Leipzig oder in Prag. Mahler begriff sich, wie einem anderen Brief an Fritz Löhr zu entnehmen ist, als selbst­bewusster «Streiter für das Heiligtum». In seinem Idealismus zeigte er allerdings nicht nur enorme Leidensbereitschaft, sondern auch kompromisslosen, ja despotischen Durchsetzungswillen einer missionarischen Kunstauffassung.
Den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2005
Rubrik: Magazin, Seite 27
von Dieter David Scholz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Widerspenstigen Lähmung

Die einleuchtende Grundidee in Dresden bestand in einem zweitei­ligen Unternehmen, das praktische Anschauung mit theoretischer Erörterung vereinte und aufeinander bezog: einerseits allabendlich vorgeführte Operetten auf der Bühne, andererseits beredete Operetten auf einer Tagung, die erkunden sollte, was aus dieser Gattung unter der NS-Herrschaft wurde. Ergiebiger...

Monteux' Ruhe und Toscaninis Furor

Die 1956 von der Firma RCA in Rom produzierte Aufnahme von «La traviata» hat auf dem deutschen Markt von Anfang an nur eine marginale Rolle gespielt, verschwand dann im Stereo-Zeitalter gänzlich aus dem Katalog und wird erst jetzt, fünfzig Jahre später, auf CD neu aufgelegt. Ein merkwürdiger Fall, denn es handelt sich um die beste Studio-Einspielung des Werkes aus...

Ende einer Schlittenfahrt

Seit den 1970er-Jahren sind Werk und Person Friedrich Hölderlins ein geheimer Fixpunkt der musikalischen Avantgarde. In dieses von Maderna bis Nono, von Rihm bis Holliger reichende Spektrum reiht sich auch der 1953 geborene Grazer Komponist Georg Friedrich Haas mit seiner 1996 für die Bregenzer Festspiele entstandenen Kammeroper «Nacht» ein, die jetzt in Frankfurt...