Strauss: Elektra

Barcelona, Strauss: Elektra

Es gerät leicht in Vergessenheit, dass die Titelpartie von Richard Strauss’ «Elektra» nicht nur ein Vehikel für hochdramatische Soprane ist, sondern zu mindestens fünfzig Prozent aus lyrischen Passagen besteht. Nicht nur die durchdringenden «Agamemnon»-Rufe, sondern auch die zaghaft aufblühende Hoffnung der Orest-Szene prägen den Charakter der Atriden-Prinzessin, die bei allem Hass auf ihre Mutter zugleich eine verletzliche Frau ist, für die die Befreiung letztlich zu spät kommt, als dass sie ein neues Leben beginnen könnte.


Es ist diese zartere Seite Elektras, mit der Deborah Polaski in Barcelona am stärksten punktet. Nach verschrammten Höhen und nur mühsam ansprechenden Piani in der Auftrittsszene findet sie im Dialog mit Orest zu warmen, herbstlich abgedunkelten Farben. Plötzlich scheint ein Lebensatem in ihrem Sopran zu pulsieren, der jedoch das Wissen um seine baldige Vergänglichkeit in sich trägt. Dass diese, von marschallinnenhafter Wehmut getragenen Töne wunderbar zu Albert Dohmens viril-stoischem Orest passen, macht die Szene zum unerwarteten Höhepunkt eines Abends, den man beinahe schon abgeschrieben hätte. Denn Guy Joostens Verortung des antiken Dramas im Umfeld von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2008
Rubrik: Kurz berichtet, Seite 50
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sumpf und Hohlraum

Wozzeck legt sein Ohr an die Erdkruste: Alles hohl, sagt er, und vermutet als Grund die Freimaurer. Aktuelle Bilder treten einem bei dieser Aussage vor Augen: Die Erde wird ausgehöhlt, das Öl abgezapft, Kohle so lange abgebaut, bis die trügerische «schöne» Oberfläche einstürzt. Menschlicher Forschungsgeist, menschliche Geldgier, menschliche Uneinsichtigkeit gründen...

Tänzerischer Charme

Was macht man mit dem Titelhelden? Besetzt man die gro­ße Kastratenpartie in Händels 1724 uraufgeführter Oper «Giulio Cesare in Egitto» mit einer Altistin oder ­einem Kontratenor? Oder vielleicht sogar mit einem ­Bariton, wie es vor dem Siegeszug der historischen Aufführungspraxis üblich war? Das Badische Staatstheater Karlsruhe entschied sich bei dem opulenten...

Statisch und stilisiert

Ferruccio Busonis Hauptwerk «Doktor Faust», eine der wichtigsten Opern aus dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, wird noch immer selten gespielt. Das liegt nicht zuletzt an den Schwierigkeiten einer sinn­lichen Realisierung der Partitur, die viele Einflüsse von Wagner über Puccini bis Mahler verarbeitet und deren ausgefeilte Kontrapunktik sich mit zahlreichen...