Stimme der Natur

Erstmals eingespielt: Déodat de Séveracs veristisch-symbolistische Kurzoper «Le Cœur du moulin»

Opernwelt - Logo

Am Anfang glaubt man Jenufas Mühle zu hören. Nur dass es keine Wassermühle ist, die in Déodat de Séveracs Kurzoper «Le Cœur du moulin – Das Herz der Mühle» (1901-1908) klappert, sondern eine der charakteristischen Windmühlen im südfranzösischen Languedoc. Der Mistral streicht sanft durch die Segel und schwillt dann mächtig an.

Auch Janáceks Pantheismus ist in dieser Musik mit Händen zu greifen – allerdings in einer rauschhaft-nietzscheanischen Variante: Jacques, der bäuerliche Heimkehrer auf die väterliche Scholle hört die Erde, das Herz der Mühle, den murmelnden Bach singen. Und zwar ganz real, als irisierenden Chor in gereimten Sechshebern. Unterdessen verleiht das Orchester dem Wasser, dem Wind, dem Boden und der Hitze lautmalerisch Stimme. Im Gegenzug zur Vermenschlichung der Elemente singen die Winzer verwehte Vokalisen, kaum verständliche Worte, als gehörten auch ihre Arbeitsabläufe und Bräuche zur Seele der Natur. Vertont ist das veristische Bauern-Drama à la «Tiefland» oder «Cavalleria rusticana» in einer an Debussy gemahnenden, doch eigenständigen Klangsprache. Orgiastisch feiert sie die Verschmelzung von Mensch und Natur – ganz im Sinne der Lebensreform-Bewegungen der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2010
Rubrik: Medien | CDs und DVDs, Seite 42
von Boris Kehrmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
In der Trinkhalle

Wieder mal nach Bad Wildbad. Wieder mal das erste Viertel Weißherbst auf der Terrasse des «Bären», der seit einer Weile auch «Hotel Rossini» heißt. Wie auch nicht? Der Maestro suchte sich, 1856 hier logierend, im Tal der Enz schließlich von seinen Gebrechen zu kurieren. Wieder also bei «Rossini in Wildbad», dem kleinen, aber feinen Festival im Nordschwarzwald, dem...

Romeo und Julia auf dem Lande

Was in den USA Aspen ist und in Japan das Pacific Festival bei Sapporo, dafür steht in Schweden der Name Vadstena: eine Sommerakademie, die dem musikalischen Nachwuchs den Schritt von der Ausbildung ins Berufsleben erleichtern will. Ein Ort, wo man die Stars von morgen hören kann. Eine Idylle, in der hart und doch entspannt gearbeitet wird. Musik und Landschaft....

Anspruch und Einspruch

Bei einem Darmstädter Vortrag dachte Theodor W. Adorno 1961 darüber nach, was künstlerische Utopie bedeutet. Seine Antwort: Dinge machen, von denen man nicht weiß, was sie sind. Man kann diese Maxime und den Anspruch, der sich mit ihr verbindet, als Einspruch lesen. Ist es nicht so, dass – auch und gerade in der Kunst – meist Dinge gemacht werden, von denen man...