Skizzen zu Nietzsche
Wer sich als Komponist an den Lyriker Nietzsche wagt, begibt sich auf heikles Terrain. Meist machen die Verse selbst schon so viel Musik, dass kein Raum für Vertonungen zu bleiben scheint.
Pascal Dusapin (Jahrgang 1955) hat es auf Bitten des Baritons Georg Nigl dennoch versucht – und gleich einen ganzen Nietzsche-Zyklus für Stimme und Klavier geschrieben, der 19 Lieder und 4 Zwischenspiele umfasst: O Mensch! Ein Flaneur aus Paris lässt sich da durch die Gedanken- und Gefühlslandschaften eines Philosophiepoeten treiben, der wie kein zweiter deutscher Denker das intellektuelle Klima Frankreichs im 20. Jahrhundert beeinflusst hat. Man spürt Dusapins Respekt, eine tastende Zurückhaltung, die vor allem aus dem kargen, skizzenhaften Klaviersatz spricht: Sekundreibungen, Staccato-Schläge, Tonrepetitionen, gestau(ch)te Linien, Abbrüche. Kaum einmal darf die Pianistin Vanessa Wagner ein so koboldhaftes «Kling-Kling-Kling» spielen wie zu dem sprachkritischen Gedicht «Das Wort», in dem Georg Nigl sich kabarettreif auf Falsett-Höhen schraubt. Und selten tönt es so sarkastisch-unverblümt wie in der gereimten Abrechnung mit dem einst verehrten Meister von Bayreuth: «An Richard Wagner» – vom dürren Tristan-Akkord-Zitat bis zu den wie Parodien wirkenden Pathosformeln der deklamierenden Stimme. Georg Nigl reizt Licht und Schatten, Lust und Scharaden dieser Nietzsche-Lieder-«Promenade» (O-Ton Dusapin) virtuos aus. Kein Zweifel, es ist «sein» Zyklus. ...
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Opernwelt März 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 29
von Albrecht Thiemann
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