Sibirien, wie klingst du so schön

Der Aufstieg der Oper in Novosibirsk ist eng mit Generalmusikdirektor Teodor Currentzis verbunden

Ein Krimi könnte so beginnen. Drehort: Novosibirsk, Sibirien. Jahreszeit: November, Trübsalblasmonat. Es ist sechs Uhr am Morgen, fünf Stunden und gefühlte vierzig Grad Temperaturunterschied zu Berlin. Das digitale Thermometer am Flughafen verkündet 30 Grad, minus. Ein Wind bläst uns bei der Ankunft ins Gesicht, scharf wie eine Kreissäge; weiße Dampfschwaden wälzen sich über den Boden, eine Mischung aus Abgasen und vereister Luft. Wer hier und jetzt an Kunst denkt, wird auf der Stelle für verrückt erklärt.



Als Teodor Currentzis vor sechs Jahren erstmals in Novosibirsk landete, erlebte er womöglich die gleiche Szenerie. Gleichwohl besaß der griechische Dirigent, Jahrgang 1972, einen entscheidenden Vorteil. Er kannte Russland. Ab 1994 hatte er fünf Jahre bei dem Magier Ilya Musin studiert, in Sankt Petersburg; danach war er bei den St. Petersburger Philharmonikern Assistent des (ebenfalls aus der Musin-Schmiede stammenden) Yuri Temirkanov und hatte häufiger am Pult des Russischen Nationalorchesters gestanden. Mit einem Wort: Er war präpariert und wusste um die Bedingungen, die ihn am Ob erwarteten.

Nach dem Erfolg von Strawinskys Ballett «Le baiser de la fée» entwickelte sich rasch ...

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Opernwelt Februar 2010
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Jürgen Otten

Vergriffen
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