Aufklärung, ein Trümmerfeld

Mozarts «Entführung aus dem Serail» – das rechte Stück zu den Verwerfungen unserer Zeit? Neuproduktionen in Lyon, Kassel und an der Deutschen Oper Berlin

«Wir sind Söhne und Töchter der Aufklärung, des Lichts, Söhne und Töchter der wunderbarsten Philosophen, die die Erde hervorgebracht hat, wir sind Söhne und Töchter Europas! Wir wollen heute ... unsere Helden begrüßen, die der Welt gezeigt haben, dass unsere Zivilisation sich nicht dazu hergeben wird, auch nur eines ihrer Kinder den Händen von Dunkelmännern zu überlassen.» Große Worte, mit denen Belmontes Vater da protzt, Bassa Selims Todfeind und Erzrivale.

Er werde das heute mit neuem Bewusstsein sprechen, sagt Peter Lohmeyer, der sowohl die hinzuerfundene Figur als auch den Bassa spielt, und blinzelt in die Sonne auf der Place de la Comédie. Großbritannien hat gerade für den Austritt aus der EU gestimmt. Eines von vielen Symptomen des Paradigmenwechsels in Richtung Abschottung und Misstrauen, der die Welt derzeit umtreibt.

In krassem Gegensatz zu jedweden Ideen der Aufklärung wird auf der Lyoneser Bühne die Rückkehr Belmontes, Konstanzes, Pedrillos und Blondes mit einem «Tête de turc» gefeiert, jenem Jahrmarktsspiel, dass im deutschsprachigen Raum als «Hau den Lukas» bekannt ist. Die Partygesellschaft drischt auf den «Türkenkopf» ein, dass Rockschöße und Perückenlocken nur so fliegen. Mit jedem Schlag schrillt die Klingel, die auf dem Turban angebracht ist – und mischt sich unter die rhythmisch stampfenden, pseudo-türkischen «Janitscharen»-Klänge der Ouvertüre. Während Belmonte und Pedrillo sich mit Lust beteiligen, reagieren die beiden Frauen entsetzt. «Wie kann man schlagen, was man kennt?», fragt Blonde.

Der Regisseur nimmt Johann Gottlieb Stephanies Libretto ernst, gibt sich aber nicht damit zufrieden. Die Dialoge hat er auf Französisch umgeschrieben, dann ins Deutsche übersetzen lassen. Wajdi Mouawad entstammt einer maronitisch-katholischen Familie aus dem Libanon, wuchs später in Frankreich und Französisch-Kanada auf. Ein Ringen um Verständnis, um Vermittlung zwischen Orient und Okzident durchdringt seine auf rund drei Stunden reine Spieldauer gestreckte «Entführung». Erzählt wird sie im Rückblick – als Versuch der Figuren, die Erlebnisse zu verstehen, zu verarbeiten, einander zu erklären.

Konstanze, Blonde und Pedrillo haben zwei Jahre im Serail verbracht, einer kargen Welt voll strenger Schönheit (Bühne: Emmanuel Clolus), beschirmt von glatten Mauern und bestimmt von den Ritualen des Islam. Während Konstanze sich mit ihrer Lage nicht arrangieren kann, wirkt Blonde – Joanna Wydorska singt die Partie schwalbenzart und wendig – recht glücklich mit Osmin; tatsächlich ist das Duett der beiden weniger Streit als herzliche Neckerei, was erstaunlich gut aufgeht. Selims Mann fürs Grobe erscheint bei Mouawad zwar als Traditionalist, aber keineswegs als der polternde Tölpel, als der er meist dargestellt wird. Vielmehr ist er ernsthaft, liebevoll, einer, der für sein und Blondes ungeborenes Kind eigenhändig ein Origami-Mobile bastelt – und David Steffens geschmeidig-klare, textbewusste Interpretation wertet die Figur zusätzlich auf. Pedrillo (zuverlässig: Michael Laurenz) benimmt sich übrigens nicht weniger machohaft als sein türkischer Rivale. Der männliche Besitzanspruch an «die Blonden, die Braunen», so Blondes Fazit, wird im Westen bloß besser kaschiert.

Konstanze und Belmonte entstammen einer selbstgewissen Oberschicht, in der alles vorgezeichnet ist. Doch Konstanze wird aus diesem Kosmos herausgerissen. Plötzlich darf sie, muss sie selbstständig entscheiden: Soll sie Selim erhören? Als er sie dann doch zwingen will, ist eine Rückkehr zum Gehorsam nicht mehr möglich. Vor diesem Hintergrund hören wir ihre Arie «Martern aller Arten». Selim hat sich zurückgezogen, Konstanze findet sich mit einer ganzen Gruppe Frauen und Mädchen in einer engen Kammer eingepfercht. Die schmeichelnden Soli von Oboe, Violine, der Flöte, des Cellos hören wir so nicht, einer beliebten Interpretation entsprechend, als Äußerungen der Liebe Konstanzes für Selim – sondern als die fragilen Figurationen eines erwachenden Willens, der nun verteidigt werden muss. Jane Archibalds Sopran kommt in dieser Szene am besten zur Geltung, das eher harte Vibrato wirkt in der hochtourigen Nummer wie zusätzlicher Treibstoff.

Wie Osmin kommt auch Bassa Selim eleganter, reflektierter daher als das Original. Er ist gewiss kein Sympath – zu gewaltsam sind die Regungen, die er niederringen muss. Doch letztlich siegt stets die Vernunft. Die Sprechrolle steht für das Ideal des aufgeklärten Absolutisten: Weil der Bassa sich immer wieder zu beherrschen weiß, kommt er nie ins Singen. Mit dem Kunstgriff, ein- und denselben Schauspieler sowohl Selim als auch Belmontes Vater spielen zu lassen (der Selims große Liebe stahl und ihn aus Spanien vertrieb, woraufhin dieser konvertierte und sich in der Türkei verschanzte), unterstreicht Mouawad, dass beide Patriarchen denselben Ursprung haben. Bassa aber schlägt die Brücke zwischen Morgen- und Abendland. Er hat sich eingelassen, wie im Übrigen auch Konstanze, Blonde und Osmin.

Zu Belmonte ist dem Regisseur nicht so viel eingefallen – jedenfalls geraten dessen letzte beiden Arien und das Duett mit Konstanze reichlich statisch. Da Cyrill Dubois’ schlanker, eloquenter Tenor sich obendrein in der strapaziösen Partie zusehends verhärtet, wirken gegen Ende einige Nummern vokal und szenisch «abgearbeitet». Doch insgesamt glückt Mouawad eine Inszenierung, die, ohne Reibungsflächen zu verschweigen, diskret um allseitigen Respekt wirbt. Diskret auch deshalb, weil der Regisseur auf eine Aktualisierung (etwa Verweise auf den IS) verzichtet und den Stoff in der Mozart-Zeit belässt. Doch die Nerven liegen blank. Dass Pedrillo und Blonde das Gebet in der Moschee nutzen, um ihre Flucht zu besprechen, provoziert einen erbosten Zwischenruf.

In einem derart angespannten Klima überrascht nicht, dass zwei weitere Neuproduktionen den Clash der Kulturen ganz in den Hintergrund rücken. In Kassel inszeniert Adriana Altaras das Singspiel. Altaras – die in Zagreb geboren, nach Italien geschmuggelt, aber vor allem in Deutschland sozialisiert wurde und sich mit der bewegten Geschichte ihrer Familie in ihrem Schaffen intensiv auseinandergesetzt hat – wurde, als sie selbst noch auf der Bühne stand, ständig als «Gastarbeiterin» gecastet: Mit Stereotypen kennt sie sich aus. Das nutzt sie in ihrer «Entführung», mit charakteristischem Humor und schelmischer Liebe für sämtliche Figuren. Belmonte federt als Yuppie mit Einzelkind-Lächeln umher, Pedrillo gibt den freundlichen Onkel. Osmin ist ein knuddlig-tumbes Großmaul, Selim der sexy Südländer, dem in der «Martern»-Szene derart die Pferde durchgehen, dass nur eine kalte Dusche hilft. Von Unterjochung keine Spur: Die Männer bilden sich zwar ein, die Oberhand zu haben. Doch in Wahrheit werden sie von den Frauen (auch solchen in Burkas) an der Nase herumgeführt.

«Die Entführung aus dem Serail» gibt sich in Kassel als leichtfüßige Komödie, die kaum mehr als zwei Stunden dauert (unter anderem bleibt Belmonte eine Arie erspart). Erst im letzten Aufzug wird der Ton ernster. Zum Quartett ist klar, dass niemand das Geschehene vergessen kann, vor allem Konstanze nicht. Sie zieht den Hitzkopf dem Schnösel vor, eindeutig und von Anfang an, wodurch die Pointe des Abends – sie bleibt bei Selim – berechenbar wird. Das ist ein wenig schade, besteht der Reiz der großen Mozart’schen Figuren doch in ihren Ambivalenzen. Kein Zweifel hier, was die Holzbläser der «Martern»-Einleitung zu bedeuten haben: Konstanze, Donna Anna und Fiordiligi verwandt, ziert sich bloß in Worten, ihr Herz ist längst geschmolzen, sie will mit Bassa (Dirk Schäfer) ins Bett. «Die Entführung», erklärt Altaras, empfinde sie als die Vorstufe zu «Così».

Für Anja Bihlmaier, die junge Erste Kapellmeisterin und Stellvertretende Generalmusikdirektorin des Staatstheaters, ist dies die erste voll verantwortete Mozart-Produktion. Zunächst wirken die Tempi ein wenig überreizt. Tobias Hächler als Belmonte verhungert fast in seiner Auftrittsarie «Hier soll ich dich denn sehen» (später, in sportiveren Tempi, schlägt er sich gut). Das ist fast unvermeidlich, so gemein hat Mozart den Passus «und bringe mich ans Ziel» vertont – nach einem über fast fünf Takte gestreckten hohen G muss der Tenor noch einen Schlenker aufs A machen. Doch auch Mischa Schelomianski als Osmin kommt in seinem Lied «Wer ein Liebchen hat gefunden» nur schwer voran. Dafür bricht er sich im Duett mit Pedrillo (Johannes Preissinger) fast die Zunge. Später zahlt sich Bihlmaiers Versuch der Zuspitzung aus, man hört, dass sie das Staatsorchester in den Proben zu kammermusikalischem Spiel ermutigt hat. In Hulkar Sabirova verfügt Kassel zudem über eine vielversprechende Konstanze. Ihr Sopran läuft ausgeglichen durch die Register, liegt in den Koloraturen satt auf der Schiene – allein den Piani in «Traurigkeit ward mir zum Lose» fehlt der Kern. Lin Lin Fan als Blonde verwischt den Text, bewegt sich aber wie ein Springteufelchen über die Bühne, ist auch stimmlich agil.

Radikal anders geht der argentinische Theatermacher Rodrigo García an der Deutschen Oper Berlin mit der «Entführung» um. Im Gegensatz zu Mouawad und Altaras wählt er für sein Musiktheaterdebüt keine hermeneutische Herangehensweise – stattdessen nutzt er das Grundgerüst des Singspiels für die in seinen Arbeiten typischen Überlegungen zur dekadenten Konsumgesellschaft der Postmoderne.

Die Story sieht nun folgendermaßen aus: In einem Monstertruck macht Belmonte sich auf die Suche nach Konstanze, wobei ihn zwei Nutten vor übermäßiger Einsamkeit bewahren. Seinen rasanten (Drogen-)Trip um die Welt verfolgen wir auf einem Ballon, der als Videoprojektionsfläche dient. Auch Pedrillo ist zugedröhnt, jedenfalls glaubt er, per UFO in das Serail gebeamt worden zu sein. Belmonte bietet seine Expertise als Crystal-Meth-Koch an, Konstanze ist mindestens bisexuell. Und alle genießen halbwegs die Gefangenschaft. «Erzählt» wird die Geschichte als Bilderflut mit Musik, in der zahllose Zitate aus zeitgenössischer Kunst und Populärkultur treiben.

Selim ist bei García keine Figur im herkömmlichen Sinn mehr. In Berlin spielt ein Mannequin den Pascha. Bei ihrem ersten Auftritt legt Annabelle Mandeng eine atemberaubende Dribbelsession mit dem Basketball hin, zu der sie rüde Worte des Begehrens abfeuert wie Maschinengewehrsalven. Logos flimmern über den Ballon; ob Sportbekleidung oder Supermarktketten, Selims Name verbindet sich mit Marken aller Arten. Topmodel, Spitzensportler, CEO verschwimmen in dieser Chimäre: Sie ist die ultimative Projektionsfläche für die Begehrlichkeiten des Gegenwartsmenschen. Ein Fetisch. Ihre Herrschaft ist absolut. Am Ende lässt Bassa die vier Gefangenen achselzuckend ziehen – weil sie ohnehin zurückkehren werden. Und zwar freiwillig.

Das übrige Personal bleibt schablonenhaft – im Kontrast zur in der Partitur behaupteten Vielschichtigkeit der Figuren. Ein gelungenes Beispiel liefert Konstanzes große Szene im zweiten Akt. Während Kathryn Lewek singt, werden Kesselanlagen und Kühlschränke aufgefahren, bestückt mit nackten und halbnacken Frauen. Die reglosen Leiber beleben sich, ordnen sich zur Reihe, jung, schön, konform. Die Frauen-Phalanx verweist auf die Körperinstallationen der Künstlerin Vanessa Beecroft. Als Selim Konstanze die Entscheidungsfreiheit raubt (wir denken an die «Martern»-Szene in Lyon), wird sie zur Ware degradiert. Was zählt schon die Seele, die erkannt werden will? Konstanze teilt in dieser Sequenz die existenzielle Einsamkeit mancher Romanfigur aus dem Kosmos Michel Houellebecqs, Frédéric Beigbeders oder Bret Easton Ellis’. Auch den Untreueverdacht im Quartett nutzt García als Demonstration der Austauschbarkeit: Belmonte und Pedrillo wollen nicht verstehen, sondern kontrollieren. Wer besitzen will, macht den anderen zum Objekt. Ein Objekt kann man ersetzen. Also macht am Ende jeder mit jedem rum. Welche Art der Treue (constance) ist einer aufgeklärten Gesellschaft angemessen?

Das sind Szenen, die uns nachhaltig zu denken geben. Doch über weite Strecken fördert der Kontrast zwischen Tonsatz-Tiefe und Bild-Geflimmer eben nicht Erkenntnis, sondern – Oberfläche. Was bleibt, ist dann im besten Fall bissig-unterhaltsam, oft aber schlicht platt: Da ruckt zum Terzett Pedrillo-Belmonte-Osmin einfach der Truck vor («Wir gehn hinein») und zurück («Marsch fort»). Siobhan Stagg als Blonde darf zu ihrem genüsslich gesungenen «Mit Zärtlichkeit und Schmeicheln» zwei Muskelmännern beim Gewichtheben zugucken und schnüffelt bei «Welche Wonne, welche Lust» verzückt am Reagenzglas aus der Drogenbrauerei. Solche Einfälle tragen keine ganze Nummer, sondern werden nach Sekunden zäh wie ausgelutschtes Kaugummi. Andernorts ist so viel los, dass den Sängern niemand mehr zuhört. Man merkt schmerzlich, dass García das Opernhandwerk fehlt.

Musikalisch hält Kathryn Lewek als Konstanze den Abend zusammen. Als sie, mit einem Timbre wie kühler Pfefferminztee, zum recitativo accompagnato «Welcher Wechsel herrscht in meiner Seele» anhebt, bleibt schier die Zeit stehen: Vor allem in «Traurigkeit» macht sie vergessen, wie anspruchsvoll diese Partie ist, klingt entspannt, wagt Zartes und Agogik. Anständig auch die übrigen: Matthew Newlin als Belmonte und James Kryshak als Pedrillo, der, die E-Gitarre im Arm und Mondschein im Rücken, mit «In Mohrenland gefangen war» einen starken Moment hat. Eindrucksvoll Tobias Kehrers voluminöser Osmin mit müheloser, satter Tiefe.

Während sich Alte-Musik-Experte Stefano Montanari in Lyon der «Entführung» mit Sinn für rhetorische Details, starke Kontraste und spritzige Tempi annimmt, steht in Berlin mit GMD Donald Runnicles ein Dirigent am Pult, der eher im 19. Jahrhundert zu Hause ist. Wer René Jacobs’ aktuelle Referenzaufnahme (Harmonia Mundi) im Ohr hat, findet bei Runnicles vergleichsweise viel Legato, aber auch atmende Anmut und weichen Fluss. Enttäuschend ist, wie häufig Orchester und Bühne auseinanderklappern – und zwar keineswegs nur dann, wenn szenisch viel Gezappel herrscht.

 

Mozart: Die Entführung aus dem Serail
Lyon

Premiere am 22., besuchte Vorstellung am 24. Juni 2016

Musikalische Leitung: Stefano Montanari
Inszenierung: Wajdi Mouawad
Bühne: Emmanuel Clolus
Kostüme: Emmanuelle Thomas
Licht: Eric Champoux
Solisten: Jane Archibald (Konstanze), Cyrille Dubois (Belmonte), Joanna Wydorska (Blonde), Michael Laurenz (Pedrillo), David Steffens (Osmin), Peter Lohmeyer (Bassa Selim/Vater)

www.opera-lyon.de

Kassel
Premiere am 18. Juni 2016

Musikalische Leitung: Anja Bihlmaier
Inszenierung: Adriana Altaras
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Nina Lepilina
Licht: Dirk Thorbrügge
Chor: Marco Zeiser Celesti
Solisten: Hulkar Sabirova (Konstanze), Tobias Hächler (Belmonte), Lin Lin Fan (Blonde), Johannes Preissinger (Pedrillo), Mischa Schelomianski (Osmin), Dirk Schäfer (Bassa Selim)

www.staatstheater-kassel.de

Berlin / Deutsche Oper
Premiere am 17., besuchte Vorstellung am 22. Juni 2016

Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung und Bühne: Rodrigo García
Kostüme: Hussein Chalayan
Licht/Mitarbeit Bühne: Ramón Diago
Chor: William Spaulding
Solisten: Kathryn Lewek (Konstanze), Matthew Newlin (Belmonte), Siobhan Stagg (Blonde), James Kryshak (Pedrillo), Tobias Kehrer (Osmin), Annabelle Mandeng (Bassa Selim)

www.deutsche-oper-berlin.de 


Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Wiebke Roloff