Sechsmal hoch

Gipfeltreffen mit Cencic, Mynenko, Sabadus, Sabata und Yi, Schwanengesänge von und mit Roland Kunz

Nicht nur in Roms Caracalla-Thermen, so viel darf spekuliert werden, auch in den Stadien der Welt dürften sie heute Kreisch-Ovationen auslösen. Farinelli/Senesino/ Carestini, das wäre so etwas wie Domingo/Pavarotti/Carreras in Potenz – für die feinen Kastratenorgane gäbe es ja Mikros und Mischpulte. So absurd mutet es also gar nicht an, dass die Stimmfach-Nachfolger ein wenig (und leicht verspätet) vom Tenor-Hype der Neunziger profitieren wollen.

Der CD-Titel «The 5 Countertenors» lässt also zunächst an vieles denken: «Granada» und «O sole mio» in Stratosphärenlage? Ein gemeinsam geschmettertes «Nessun dorma», vielleicht mit interpolierter Koloraturkadenz?

Das Ergebnis ist jedoch recht brav geraten. Keine Duette, keine Queerbesetzungen, keine Selbstironie: Die Silberscheibe versammelt weitgehend Nummern der üblichen Komponisten-Verdächtigen und vor allem den Freundeskreis von Max Emanuel Cencic: Dessen Firma Parnassus fungiert immerhin als Koproduzent. Alles «nur» vokale Visitenkarten also, von George Petrou und Armonia Atenea nervig-vibrierend befeuert, doch die haben es in sich. Vor allem, weil sie vorführen, wie sehr sich da ein Fach verästelt hat, das nur schwer unter dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 19
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Verlorene Unschuld

Ein seltsames Schauspiel bietet sich dem Amazonas-Schiffer vor Manaus: Durchaus im gleichen, weiten Bett, aber mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten fließen der braune, träge, warme Amazonas und der behändere, dunkelkühle Rio Negro nebeneinander her, bis sie sich nach etwa dreißig Kilometern dann doch zusammentun.

Ob Ermanno Wolf-Ferrari je in der brasilianischen...

Ins Abseits inszeniert

Der Katalane Hèctor Parra (Jahrgang 1976) gehört zu den renommiertesten Komponisten der jüngeren Generation. Und zu den originellsten Vertretern einer neuen Ästhetik, bei der es zwischen den Stimmen, den Instrumenten und der Live-Elektronik zu einer dramatischen Interaktion kommt wie in seinem 2009 am Pariser IRCAM uraufgeführten Opernentwurf «Hypermusic...

Feuchtgebiete

Wie der schlierige Bart eines Riesen streichen die Wolken über den eiszeitlich rundgeschliffenen Fels. 200 Regentage im Jahr zählt die Statistik für Bergen – heute ist einer davon. Das Wasser tropft nicht, es klatscht. Umso geisterhafter die Blüten der Apfelbäume, der Tulpen. Pralles Rot, ein Ausrufezeichen im feuchten Einheitsgrau. Pocht die Sonne tagsüber doch...