Schützen und schätzen Sie die Kunst!

Sir Peter Jonas appelliert an die Politik

Viel habe ich während meiner dreizehn Jahre als Intendant der Bayerischen Staatsoper gelernt. Dazu gehört, dass es leider nur zu oft unumgänglich für ein Opernhaus ist, bockig und kompromisslos zu sein. Es gehört zu unseren Aufgaben, die Vorstellung darüber, was möglich oder akzeptabel ist, auszudehnen. Die Politik sollte Toleranz aufbringen für das, was wir tun und sagen.

Diese Toleranz ist lebensnotwendig für die Oper, weil wir es hier mit der irrationalsten aller Kunstformen zu tun haben, in der Musik, Aktion und Text einander auf der Bühne begegnen und mit­einander fusionieren – «live», vor den Augen unseres Publikums, wodurch ihm wiederum die Ohren geöffnet werden für das großartigste kollektive Ritual, das der Mensch jemals kreiert hat.

Eine Lektion musste ich in München nicht lernen (denn sie ist jedem Engländer angeboren), nämlich dass Misstrauen gegenüber Autoritäten die oberste Bürgerpflicht sein sollte. Das ist eine Verpflichtung für alle, die auf dem Kunstsektor tätig sind. Nur zu oft befürworten Politiker die zweckmäßige Ansicht, dass Demokratie «Regierung durch Diskussion» bedeutet, aber nur dann effektiv ist, wenn man jede Diskussion abwürgen kann. Zweifelsohne werde ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Jonas in München, Seite 98
von Sir Peter Jonas

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Ich bin nun mal kein Festspielmensch»

Lassen Sie uns mit einer persönlichen Frage beginnen: Sie sind dreizehn Spielzeiten lang Chef der Bayerischen Staatsoper in München gewesen, Sie sind von Queen Elizabeth II. zum Knight of the British Empire geschlagen worden. Welche Anrede gefällt Ihnen am bes­ten? Herr Staats­intendant? Sir? Mister Jonas?
Das mit dem Staatsintendanten habe ich sofort nach meinem...

Von der Gegenwart des Werks

Opernwelt Die Erosion des sogenannten Bildungsbürgertums lässt sich leicht mit zwei Zahlen konkretisieren: Im Jahr 1958, ergab eine Studie, waren 58 Prozent der Opernbesucher in Deutschland unter fünfzig. Im Jahr 2005 waren es noch 26 Prozent. Was damit verschwindet, ist zweifellos auch ein Common Sense über das, was kulturell wichtig ist, was man kennen muss. Was...

Lustvolle Verschwörung

Titus kehrt zurück. Keine Oper hatte in Mozarts Jubeljahr 2006 einen so rauschhaften Wiederauftritt wie seine letzte: «La clemenza di Tito». An der bislang überschaubaren Diskografie lag’s wohl auch. Seit früheren Aufnahmen wie denen von István Kertész und Colin Davis (und trotz der späteren von Harnoncourt und Gardiner) schien es, als sei das Werk von der...