Schreibend über Musik nachdenken

Das hat er uns immer wieder vorgeführt – perspektivenreich, sensibel, unbestechlich: zum Tod von GERHARD ROHDE

Es war ein milder Spätssommertag, dieser 9. September. Wir saßen in einem Straßencafé an der Place de la Bastille. Skateboard-Fahrer knallten gegen die Betontrassen der Opéra, es roch nach Verkehr und süßen Crêpes. Dass Gerhard Rohde Geburtstag hatte, kam eigentlich nur heraus, weil Charlotte Oswald, seine Lebensgefährtin, es ansprach. Er selbst machte nie Aufhebens um persönliche Dinge. Wir wollten danach in die Opéra rübergehen, doch war und blieb unklar, ob die geplante Premiere stattfinden würde. Wieder einmal drohten Streiks.

Für Rohde war das ein Anlass, sich über den Kunstbetrieb und Frankreich im Allgemeinen und die Oper im Besonderen auszukotzen. Sei ja ohnehin eine unmögliche Kunstform, das Ganze, verschwurbelt und verrückt von Anfang an, wenn dann überhaupt nur ohne Szene zu ertragen. So brummelte und spottete er, zog destruktive Kreise. Dabei liebte er Frankreich und die Oper ganz besonders. Er fuhr mit dem Auto von Frankfurt nach Paris, um eine Aufführung zu erleben – und in der Nacht wieder zurück. Jahrzehnte ging das so. Er konnte sich einen Sommer ohne das Festival in Aix-en-Provence nicht vorstellen (so lange der intime Charakter erhalten blieb). Er wollte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2015
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
Jung und alt, eurythmisch vereint

Natürlich muss man im Musiktheater keine Geschichten mehr erzählen. Und natürlich darf ein Regisseur einfach mal seinen musikalischen Vorlieben frönen, statt immer nur Händel, Verdi oder Alban Berg szenisch nachzulaufen. Der in den Niederlanden lebende israelische Theatermacher Sharon Minailo liebt die isländische Pop-Ikone Björk, ihre schräge Garderobe und die...

Auf schmalem Grat

Gefängnisszenen kennt die Oper seit ihren barocken Anfängen, während das Straflager – allen im Totalitarismus angesiedelten «Fidelio»-Inszenierungen zum Trotz – ein Phänomen und Symbol der Moderne ist: Menschen werden anonymisiert, gequält, getötet oder für ihr Leben traumatisiert. Umberto Giordanos «Siberia» ist dafür ein eher konventionelles, der Schlussakt von...

Ein Held der Selfie-Zeit

Ein falscher Fuffziger, dieser Siegfried. Zwar erklärt er, «ihrem Manne gehorchte Brünnhild eine volle bräutliche Nacht», doch als Gutrune eifersüchtig zu bedenken gibt, dass er ja selbst in Gestalt dieses Mannes Gunther um die Walküre geworben hatte, antwortet er kryptisch: «So nah – war Brünnhild ihm fern». Banal gesagt: «Okay, Honey, ich hab mit ihr geschlafen –...