Schockgefroren

Palermo: Schreker: Die Gezeichneten

Opernwelt - Logo

Der Alptraum hat nichts Exotisches. Er nistet mitten unter uns. Im ganz normalen Wahnsinn des kleinbürgerlichen Alltags. Auf der Bühne: Leute von heute in lässigen Klamotten. Steril, aseptisch, schreiend kalt mutet die Behausung dieser geschlossenen Gesellschaft an – ein weiß gleißender Kubus. Ein paar Umzugskisten, billiges Polstermobiliar, zwei diagonal angeordnete Tische. Dazwischen ein riesiger Bilderrahmen, so leer wie der schockgefrorene Blick der überlebensgroßen nackten Barbiepuppe, die hinten auf der Bühne liegt, Schenkel und Scham schwarz beschmiert.

Über allem hängt ein grüner Magritte-Apfel. Ein schwebendes Ambiente zwischen Realismus, Surrealismus und Psycho-Symbolik.

Nicht nur Freud gehört in Franz Schrekers 1918 uraufgeführter Oper «Die Gezeichneten» zum geistigen Inventar. Auch Schopenhauers philosophischer Pessimismus, seine Abrechnung mit dem Fortschrittsdenken schwingen im Hintergrund mit. Wildes, skeptisches Denken, das Nietzsche und Wagner begierig aufgreifen sollten. Die Vorstellung, dass «jedes Tier die Beute und Nahrung eines andern wird», dass Instinkt und Trieb stets mächtiger sind als alle Vernunft – derlei ist keine Erfindung des komponierenden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2010
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Carlo Vitali

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gestochene Akzente

Als Händel 1751 sein Oratorium «Jephta» schrieb, war die Welt des Ancien Régime noch intakt: Während dreißig Jahre später Mozarts Idomeneo abdanken wird, nachdem ihn das Eingreifen Gottes an der Opferung seines Kindes gehindert hat, ist bei Händel der himmlische Gnadenakt noch die Bestätigung herrscherlicher Autorität. Der Monarch, der die Treue gegenüber seinem...

Der doppelte Jakob

Rund zehn Bahnminuten von St. Gallen entfernt liegt das Städtchen Herisau, wo der Dichter Robert Walser seine letzten 23 Jahre in einer Heil- und Pflegeanstalt verbrachte. Dieser regionale Bezug mag das Theater St. Gallen bewogen haben, Benjamin Schweitzers Vertonung des in Walsers Werk zentralen Romans «Jakob von Gunten» auf die Bühne zu bringen. Die Kammeroper...

Viel Lärm um nichts

Krass auseinanderdriftende Premierenkritiken, heftige Publikumsreaktionen noch in der dritten Vorstellung: Den Titel der «umstrittensten Produktion der Saison» dürfte die Komische Oper für ihren neuen «Fidelio» sicher haben. Nach den letzten, erschreckend belanglosen Premieren («Don Pasquale», «Orlando») kann man das immerhin als Lebenszeichen werten – ob der...