Schein und Sein
Niemand kann den König spielen», lautet eine alte Theaterweisheit, das müssen die anderen tun. Sie gilt erst recht für den Hochstapler, auf der Bühne wie im wahren Leben. Also sitzt er in der Prager Staatsoper an einem Wirtshaustischlein, die Hose etwas zu hoch sitzend, aber durchaus elegant (schließlich ist er Schneider), die Füße leicht nach außen gestellt wie Charlie Chaplins Tramp.
Mampft staunend mit vollen Händen ein unerwartet gutes Essen, während er bestaunt wird von den Litumleis, Häberleins, Pütschli-Nievergelts, dem Amtsrat und seiner Tochter Nettchen, der ganzen sogenannten besseren Gesellschaft des kleinen Goldach. Aus Wenzel Strapinski ist der Graf Strapinski geworden. Denn «Kleider machen Leute», das sagt schon der Titel von Alexander Zemlinskys Musikalischer Komödie, die 1922 im gleichen Haus, dem damaligen Neuen deutschen Theater, in ihrer zweiten Fassung zur Uraufführung gekommen war. Dass Strapinski ein Hochstapler wider Willen ist, erst durch die Eitelkeit der anderen ins falsche Leben gedrängt wird, macht den besonderen Reiz schon der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller aus. «Ich bin verhext!», staunt der Tenor Joseph Dennis, als ihm die Goldacher ihre ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Michael Stallknecht
Der «bedeutendste Sänger des Jahrhunderts» – dem Diktum Leonard Bernsteins würde wohl die Mehrheit der Opernliebhaber vehement widersprechen. Korrigiert man das Etikett jedoch auf «größter Liedsänger», fallen alle Gegenargumente mitsamt der Begrenzung auf eine Epoche unter den Tisch. Kein halbwegs musischer Mensch bezweifelt, dass Dietrich Fischer-Dieskau...
Leise rieselt der Schnee. Unablässig, dichter und dichter werdend, eine Stunde lang. Die Figuren müssen sich in dieser Winterlandschaft vorkommen wie der brave Hans Castorp aus Thomas Manns «Zauberberg», der sich bei einem Ausflug ins Gebirg’ zusehends verirrt und von den Schneemassen fast zugeschüttet wird. Eine Grenzerfahrung birgt auch Romeo Castelluccis...
Als Bub erlebte Friedrich Cerha, 1926 in Wien geboren, den Österreichischen Bürgerkrieg. Es war 1934, Cerha war acht Jahre alt; sein Vater führte ihn über die «Schauplätze» des Krieges. Bleibende Eindrücke. Möglicherweise entstand hier der Vorsatz, es selbst besser zu machen. Anders, klüger. In dieser Zeit erhielt das Kind längst Geigenunterricht, und schon bald...
