Scham und Schändung

Puccini: Tosca
BRÜSSEL| THÉÂTRE DE LA MONNAIE

Opernwelt - Logo

Zwangsherrschaft à la Scarpia ist ohne kirchlichen Segen nicht denkbar, die unheilvolle Allianz von politischer und religiöser Unterdrückung mündet geradewegs in eine mit sexuellen Obsessionen angefüllte Folterkammer – wie jenen kurzlebigen faschistischen Reststaat von Salò, den wir aus Pier Paolo Pasolinis Film «Die 120 Tage von Sodom» kennen.

Das jedenfalls ist die Matrix, auf der Regisseur Rafael R. Villalobos Puccinis berühmteste Oper ansiedelt.

Künstlerattitüde und unreflektierten Kinderglauben an Kirche und Staat zunächst noch mühelos miteinander vereinbarend, stürzen für die von Scarpia Drangsalierten die institutionellen Lügengebäude geistlicher und weltlicher Herrschaft bald in sich zusammen. Entsetzt realisiert Tosca, wie sich die Vertreter von Klerus und staatlichem Repressionsapparat mit Rollenspielen vergnügen, bei denen Ministranten als Lustknaben herhalten müssen und ausgesuchte Torturen die sexuelle Gier der Täter stimulieren. Auch der Tyrann befriedigt sein sadomasochistisches Verlangen mittels Folter und Erpressung. Wenn er die Diva zur Domina umzufunktionieren sucht und diese die Gelegenheit beim Schopf packt, um ihren Peiniger zu erstechen, ist das nur die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Michael Kaminski

Weitere Beiträge
Routiniert

«Theater muss sein.» So euphorisch und provokant (weil Theater eben Geld kostet) hat es der Deutsche Bühnenverein Ende der 1990er-Jahre propagiert, mit dem neckisch auf einem Punkt tänzelnden T. Die Aussage wurde seither immer wieder diskutiert ‒ besonders verzweifelt während der Pandemie, in der das Theater als Ort gesellschaftlicher Diskurse über Nacht seine...

This sucks balls

«Fuck! This sucks. This sucks balls. This is shit. This is fucking shit!», ruft der Bariton beziehungsweise die Figur B zu Beginn – was man halt so lernt im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper. Denn für dieses hat Miroslav Srnka gemeinsam mit dem Librettisten Tom Holloway eine Oper entwickelt, die bereits sein bereits drittes abendfüllendes Auftragswerk unter...

Empfindsames Gotteslob

Wie zahllose Musiker seiner Generation gehört Anton Schweitzer (1735-1787) zu den Komponisten, die zwar das Generalbass-Zeitalter hinter sich ließen, aber das rettende Ufer der Klassik nicht mehr erreichten und im Niemandsland der Musikgeschichte verschwanden. Der gebürtige Coburger wirkte im engen heimischen Thüringer Umfeld als Kapellmeister an den Höfen von...