Scham und Schändung

Puccini: Tosca
BRÜSSEL| THÉÂTRE DE LA MONNAIE

Opernwelt - Logo

Zwangsherrschaft à la Scarpia ist ohne kirchlichen Segen nicht denkbar, die unheilvolle Allianz von politischer und religiöser Unterdrückung mündet geradewegs in eine mit sexuellen Obsessionen angefüllte Folterkammer – wie jenen kurzlebigen faschistischen Reststaat von Salò, den wir aus Pier Paolo Pasolinis Film «Die 120 Tage von Sodom» kennen.

Das jedenfalls ist die Matrix, auf der Regisseur Rafael R. Villalobos Puccinis berühmteste Oper ansiedelt.

Künstlerattitüde und unreflektierten Kinderglauben an Kirche und Staat zunächst noch mühelos miteinander vereinbarend, stürzen für die von Scarpia Drangsalierten die institutionellen Lügengebäude geistlicher und weltlicher Herrschaft bald in sich zusammen. Entsetzt realisiert Tosca, wie sich die Vertreter von Klerus und staatlichem Repressionsapparat mit Rollenspielen vergnügen, bei denen Ministranten als Lustknaben herhalten müssen und ausgesuchte Torturen die sexuelle Gier der Täter stimulieren. Auch der Tyrann befriedigt sein sadomasochistisches Verlangen mittels Folter und Erpressung. Wenn er die Diva zur Domina umzufunktionieren sucht und diese die Gelegenheit beim Schopf packt, um ihren Peiniger zu erstechen, ist das nur die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Michael Kaminski

Weitere Beiträge
Premieren August 2021

Diese Übersicht bietet eine Auswahl der bei Redaktionsschluss (5.7.) als Präsenzvorstellung geplanten oder als Stream ange­kündigten Premieren und Festivals des Monats August 2021. Weitere Informationen finden Sie auf den Websites der Häuser. Eine Liste mit Kontaktdaten gibt es online unter diesem Link: www.der-theaterverlag.de/serviceseiten/theaterlinks/

ML =...

Bekennender Enthusiast

Leserinnen und Leser der «Opernwelt» werden sich des Frankfurter Kritikers Hans-Klaus Jungheinrich erinnern. Wobei die Stadt keineswegs unerheblich ist. Denn Jungheinrich, auch der Autor, stand für eine Art Frankfurter Schule der Musik-Publizistik in der Nachfolge der «Kritischen Theorie» mit ihrem Haupt-Exponenten Theodor W. Adorno, der für den Diskurs der Moderne...

Verführerisch gut

Die größten Tyrannen finden wir bei William Shakespeare. Leontes, von Eifersucht zerfressen, Richard III., der Fieseste von allen, ferner einige der Heinrichs, Claudius, Julius Caesar, Titus Andronicus. Sie alle zeichnet ein untrüglicher Hang zum Sadismus aus, der unbeugsame Wille zur uneingeschränkten Ausübung ihrer Macht, und sei es gegen jede humane Vernunft und...