«Rotwein-Scheiß» und andere Grausamkeiten

Das Kurt Weill Fest in Dessau beginnt mit einer Demo und bringt Helmut Oehrings «Die Wunde Heine» zur Uraufführung

Ja, 1927 war es leicht, einen klaren politischen Standpunkt einzunehmen. Als Kurt Weill und Bertolt Brecht ihr «Mahagonny-Songspiel» schrieben, hatte die kommunistische Utopie noch nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt, und es war genau auszumachen, wo der Feind stand. Fast mochte man meinen, Franck Ollu und das Ensemble Modern wollten zur Eröffnung des 18. Dessauer Kurt Weill Fests zeigen, wie museal der Agitprop-Klassiker über eine fiktive Goldgräberstadt mittlerweile geworden ist. Sie exekutierten das Stück derart trocken und spröde, als handle es sich um eine Neue-Musik-Etüde.

Auch die Solisten – Salome Kammer, Sylvia Nopper sowie die vier Herrn vom Atrium-Ensemble – gaben sich alle Mühe, Weills rotzigen Proleten-Sound hochkulturell zu sublimieren.

Umso klangsinnlicher präsentierten sie das zweite Werk des Doppelabends, die Uraufführung von Helmut Oehrings «Die Wunde Heine». Der 1961 geborene Berliner Komponist versteht sein (als Auftrag von Weill-Fest, Kölner Triennale und der Frankfurter Oper entstandenes) Werk dezidiert als Antwort auf das «Mahagonny-Songspiel». Ein politisches Stück aber ist ihm nicht geglückt. Dabei wäre es gerade an diesem Ort, an diesem Abend so wichtig ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2010
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Frederik Hanssen

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zurück zu den Wurzeln

Die erste Spur des viel behandelten Elektra-Stoffes findet sich in einem «Orestie»-
Poem des Stesichoros aus dem sizilianischen Himera. Der Dichter starb etwa 555 vor Christus in Katane, dem heutigen Catania. Ein Platz und eine Marmorbüste erinnern heutige Besucher daran, dass die Tragödie des Sophokles und das von Hofmannsthal für Strauss geschriebene Libretto...

Die Hölle, das sind die ­anderen

Die «Freischütz»-Version mit vertonten Sprechtexten, die Hector Berlioz 1841, den Gesetzen der Pariser Grand Opéra gehorchend, schrieb, litt unter Richard Wagners Verdikt, sie sei «entstellend und langweilig». Vereinzelte Versuche, sie im deutschen Sprachraum zu etablieren – zuletzt 1997 in Dortmund – fanden eine eher ungnädige Aufnahme.

Die aktuelle in Trier legt...

Der Ausstatter

Der Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli gehört heute zu den meistbeschäftigten Ausstattern des Musiktheaters. Ausstatter – dieser Begriff trifft vielleicht am besten das ästhetische Credo des gebürtigen Zürichers. Werkbezogene visuelle Opulenz war ihm stets wichtiger als der interpretatorische Überbau. Nach Studien- und Lehrjahren in seiner Heimatstadt...