Die Tiefe verstecken – an der Oberfläche

Genau 200 Jahre nach der Uraufführung gelingt Stefan Herheim in Oslo eine hinreißend vielschichtige Deutung von Rossinis «La Cenerentola»

«La Cenerentola» ist bei allem Schwung und aller Virtuosität eine sehr seltsame komische Oper. Mit der Märchenfassung der Gebrüder Grimm, die auf Italienisch ohnehin erst viel später herauskam, hat dieses Aschenputtel wenig zu tun. Es gibt keine böse Stiefmutter, keine Zauberschuhe und keine abgehackten Fersen. Jacopo Ferretti, der Librettist, bringt die Handlung nur mit Mühe ins Laufen. Der erste Akt umkreist ewig die Ausgangssituation, besteht eigentlich aus zwei Akten und hat Überlänge; der zweite ist dafür umso kürzer.

Die repräsentative Arie der Titelfigur findet sich erst ganz am Schluss. Dafür salbadert der geheimnisvolle Philosoph und Prinzenerzieher Alidoro an zentraler Stelle von der Tugend. Der Kleidertausch von Herr und Diener spielt eine große Rolle, als es ginge es um «Don Giovanni». Zur heimlichen Hauptfigur avanciert Aschenputtels böser Stiefvater, der die meisten Arien hat (auch wenn sie die Handlung kaum vorantreiben) und mehr ein dem finanziellen Ruin entgegentorkelnder Adeliger ist denn sadistischer Psychopath. Aufklärung und Tugendkult grüßen aus dem 18. Jahrhundert herüber, zwischen romantische Liebessehnsucht krakeelt die Buffa mal sozialkritisch, mal derb. ...

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Opernwelt März 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Stephan Mösch