Risorgimento, «ohne dass er daran gedacht hätte»

Über Giuseppe Verdi, dessen 200. Geburtstag 2013 gefeiert wird, sind viele Legenden im Umlauf, die auch in jüngsten Publikationen immer wieder aufgetischt werden. Dass er ein Bauer war, zum Beispiel. Oder dass er der Komponist des Risorgimento war. Beides trifft nicht zu, oder nur in sehr eingeschränktem Maße: Er war Millionär und Großgrundbesitzer, in der Rolle des einfachen Bauern inszenierte er sich gleichwohl gern. Außerdem spielte er im Risorgimento eine sehr viel geringere Rolle als vielfach behauptet. Sein berühmter «Gefangenenchor» wurde jahrelang überhaupt nicht als politische Botschaft verstanden. Ein Essay von Anselm Gerhard räumt mit Klischees auf und präsentiert neueste Ergebnisse der Verdi-Forschung. Außerdem auf den folgenden Seiten: ein Roundtable aus der Wiener Staatsoper (unter anderem mit Christa Ludwig) und Überlegungen von Uwe Schweikert zum Verdi-Gesang.

Der 19. April 1836 war ein besonderer Tag für das kaiserlichkönigliche Knabenkonvikt in Mailand. In dem vom Adel bevorzugten der beiden humanistischen Gymnasien der Stadt wurde der Geburtstag des Wiener Kaisers mit großer Musik gefeiert. Graf Renato Borromeo hatte eigens eine Festkantate gedichtet. «Questo di gioia è dì» – «Dies ist ein Freudentag; er schenkte dem Besten der Regierenden den ersten Lebenshauch.

Oh vom Glück begünstigter Tag!» Am Ende stimmte auch der Chor ins Herrscherlob ein: «Accogli Augusto il cantico» – «Nimm, Erlauchter, den Lobgesang entgegen, ein Tribut der Liebe für Dich, ein Tribut, der sich dann zu Füßen des Allmächtigen verewigen wird.»

Im Unterschied zu dem, was nicht nur Italiener im Geschichtsunterricht lernen, hatten sich nach der Amnestie politischer Gefangener die Mailänder in ihrer großen Mehrheit mit der österreichischen Herrschaft arrangiert. Die Ergebenheitsgeste eines Angehörigen des vielleicht bedeutendsten lombardischen Adelsgeschlechtes ist nur einer von unzähligen Belegen dafür, dass Mailand nach 1830 alles andere war als ein politischer Unruheherd. Graf Andrea Maffei, einer der führenden Intellektuellen der Stadt, erinnerte sich 1871: «Was ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2012
Rubrik: Giuseppe Verdi, Seite 44
von Anselm Gerhard

Weitere Beiträge
«Ich bin zuerst und vor allem Komponist»

Manfred Trojahn ist auf dem Sprung in die Bretagne, mit Zwischenstopp in Paris, wo er eine Wohnung hat. Er empfängt im großzügigen Salon. Seine Komponierklause ist gleich nebenan, und er versteht sie keineswegs als geweihten Ort oder Sperrgebiet für Neugierige. Es ist einfach bequemer so. Er wirkt auch nicht wie ein Asket, der sich der eisernen Disziplin eines...

Bildnis des Künstlers als jünger werdender Mann

Unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, sind an sich unbewusst…Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke, die am stärksten auf uns gewirkt haben, die unserer ersten Jugend, solche, die fast nie bewusst werden.»

Dieses Sigmund-Freud-Zitat, Michael...

Mit List und Lust durchs Märchenland

Am 30. September 1978 brachte die Komische Oper Ostberlin die Kinderoper «Das Land Bum-Bum» von Rainer Kirsch (Libretto) und Georg Katzer (Musik) zur Uraufführung. Es geht darin um den «Lustigen Musikanten» Karl, der auf der Jagd nach seinem entflogenen Hut in das Land Bum-Bum gelangt, wo die Bewohner mit den Ohren essen, aber keine lustigen Lieder singen und das...