Requiem für Gilda
«Verdi ist der am schwierigsten zu inszenierende Opernkomponist» – so Sergio Morabito 2013 in einem Interview. Verdis erfundene Wirklichkeiten beharren unerbittlich auf Ort, Raum und Zeit. Flotte Aktualisierung der Emotionen, Charaktere, Situationen und Geschichten, mit denen sie spielen, verfehlt ihren Sinn. Jossi Wieler und Sergio Morabito sind darum in ihrer verstörend genauen Inszenierung des «Rigoletto» mit der Entzifferung von dessen Geschichtlichkeit und was sie heute bedeuten kann, den entgegengesetzten Weg gegangen.
Die Dekonstruktion der sentimental harmonisierenden Erwartungshaltung befreit das Werk von aller vorschnellen Einfühlung ins tröstend Ewigmenschliche und legt ein härteres, unheimlicheres Stück frei – als wär’s ein Theater der Grausamkeit!
Wieler/Morabito beziehen sich dabei auf Vic-tor Hugo, der mit dem seinerzeit von der Zensur verbotenen Schauspiel «Le roi s’amuse» nicht nur die Vorlage zur Oper lieferte, sondern mit seiner Ästhetik des Charakteristischen, nämlich der Vermischung des «Erhabenen» mit dem «Grotesken», Verdis Theater entscheidend geprägt hat. Der Herzog von Mantua und sein buckliger Hofnarr Rigoletto sind nicht mehr, wie die Tradition es will, ...
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Opernwelt August 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Uwe Schweikert
«Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art.» Ende August tänzeln Hans Neuenfels’ putzig-unheimliche «Lohengrin»-Ratten ein letztes Mal über die Bayreuther Festspielhausbühne. Ein letztes Mal erleben wir dann, wie der Schwanenritter, der einzig Unverstellte in Reinhard von der Thannens aseptischem...
In einer Oper genügen fünf Minuten, um einen Krieg glaubwürdig auf der Bühne zu zeigen. Im Schauspiel braucht man dafür vier Tage. Das ist die enorme Kraft der Musik. Wir kennen alle das Klischee des Opernsängers, der minutenlang singt, dass er jetzt abreisen wird. Aber als Schauspielregisseur bin ich davon fasziniert, wie unglaublich schnell Oper sein kann. Genau...
Neulich fuhren wir – das Ensemble aus Robert Carsens «Midsummer Night’s Dream» beim Festival in Aix-en-Provence – mit dem Zug rauf nach Lyon: Die sogenannte Sitzprobe stand an. Kolleginnen, die bisher ausschließlich in Jeans und Schlabberpullis herumschlurften, trugen plötzlich kurze Röcke, High Heels und schichtweise Make-up, um nachher mit dick getuschten Wimpern...
