Requiem für Gilda
«Verdi ist der am schwierigsten zu inszenierende Opernkomponist» – so Sergio Morabito 2013 in einem Interview. Verdis erfundene Wirklichkeiten beharren unerbittlich auf Ort, Raum und Zeit. Flotte Aktualisierung der Emotionen, Charaktere, Situationen und Geschichten, mit denen sie spielen, verfehlt ihren Sinn. Jossi Wieler und Sergio Morabito sind darum in ihrer verstörend genauen Inszenierung des «Rigoletto» mit der Entzifferung von dessen Geschichtlichkeit und was sie heute bedeuten kann, den entgegengesetzten Weg gegangen.
Die Dekonstruktion der sentimental harmonisierenden Erwartungshaltung befreit das Werk von aller vorschnellen Einfühlung ins tröstend Ewigmenschliche und legt ein härteres, unheimlicheres Stück frei – als wär’s ein Theater der Grausamkeit!
Wieler/Morabito beziehen sich dabei auf Vic-tor Hugo, der mit dem seinerzeit von der Zensur verbotenen Schauspiel «Le roi s’amuse» nicht nur die Vorlage zur Oper lieferte, sondern mit seiner Ästhetik des Charakteristischen, nämlich der Vermischung des «Erhabenen» mit dem «Grotesken», Verdis Theater entscheidend geprägt hat. Der Herzog von Mantua und sein buckliger Hofnarr Rigoletto sind nicht mehr, wie die Tradition es will, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Uwe Schweikert
Den Haag, 1966. Eben war Vincenzo Bellinis Romeo-und-Julia-Variante «I Capuleti e i Montecchi» an der Scala neu herausgekommen. Nun wurde die Aufführung zu einer Attraktion des Holland Festivals. Und das auch wegen der jungen und selbst Insider-Kreisen noch kaum bekannten Interpreten: Jaume Aragall als Romeo, Luciano Pavarotti als sein Rivale Tebaldo und am Pult...
Siebzehn Operninszenierungen, acht Ballettproduktionen. Haben sich die Schleusen des Subventionshimmels geöffnet? Hat sich das Teatro alla Scala in ein Repertoiretheater verwandelt, ist sovrintendente Alexander Pereira die Quadratur des Zirkels gelungen? Anlässlich der Expo 2015 hat die Politik für ihr Kulturschmuckkästchen tiefer in die Tasche gegriffen, man will...
Dieser Geist durchwehte ja nicht nur Cosimas Bayreuth. Ein Eishauch, der das Werk einfrieren lässt, das doch nie nur Niederschrift ist, sondern dank sich immer weiterentwickelnde Realisierungen als Gegenwart existieren muss. Veränderungen, andere Sichtweisen – alles Teufelszeug. Wagner, Brecht, lange ließe sich die Reihe der Schöpfer und ihrer orthodoxen Gralshüter...
