Realitätsverlust
Es hätte ein rauschendes Jubiläumsfest werden können: Am 4. Dezember 2020 kam exakt ein Jahrhundert nach der Kölner Uraufführung durch Otto Klemperer (eine zeitgleiche Premiere fand in Hamburg unter Egon Pollak statt) Erich Wolfgang Korngolds Oper «Die tote Stadt» im Kölner Staatenhaus heraus. Aber der Zuschauersaal blieb damals auf behördliche Anordnung ebenso tot wie das mittelalterliche Brügge, das Korngold zum Schauplatz seines Psychothrillers gewählt hatte.
Die Premiere wurde per Livestream mit etlichen Übertragungspannen gesendet, was die Feierlaune der Korngold-Gemeinde schmälerte; überhaupt lässt die üppige Vertonung mit großem Orchester und herausfordernden Gesangspartien jede Wiedergabe am Bildschirm zur unzulässigen Notlösung schrumpfen.
Was einem da entging, wurde jetzt bei der nachgeholten Aufführung vor Publikum deutlich. Korngolds raffinierte Mischklänge, der ständige Wechsel zwischen dem eruptiven Budenzauber der Grand Opéra und liedhafter Schlichtheit, zwischen illustrierendem Soundtrack und unheimlich vibrierender Musik im Kopf der Protagonisten ‒ dies alles wurde vom Kölner Gürzenich-Orchester nahezu ideal umgesetzt. Der Streicherapparat ist ein beweglicher ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2021
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Michael Struck-Schloen
Der Weg in den Himmel ist steinig. Die Freuden des ewigen Lebens werden einem nicht geschenkt. Die Zeit ist knapp, um ausreichend Gutes zu tun. Weshalb sie einen gleich anmahnt, sie zu nutzen. Zudem ist der Aufstieg ins Licht gepflastert mit Versuchungen irdischen Vergnügens, Verlockungen von Macht, Reichtum und mondänem Glanz. Gäbe es da nicht den «Schutzengel»,...
Die Idee hatte Aviel Cahn, seit 2019 Intendant des Grand Théâtre de Genève. Und sie war kühn. Gleich neun verschiedene Institutionen sollten gemeinsam ein Opernlabor ins Leben rufen. Doch das Interesse war groß genug. Die Idee wurde Wirklichkeit, erhielt den Namen «OperaLab» und vereinigte als Mitstreiter unter anderem die Comédie de Genève, die Musikhochschulen in...
Anno Mungen ist nicht der Erste, der sich auf die Suche nach Wieland Wagners Anfängen macht. Seine nüchtern protokollierende Chronik stellt zusammen, was die Fakten hergeben. Hier kann er, gegenüber Brigitte Hamann und Ingrid Kapsamer (deren Monografie er nicht erwähnt), mit neuen Funden aufwarten. Er hat die ungedruckten Tagebücher von Gertrud Strobel, der Frau...
