Ratlos in Windsor

Donizetti: Anna Bolena
Parma | Teatro Regio

Nein, nach «coppia iniqua», dem bösen, von der armen Anna verfluchten Paar sehen sie so gar nicht aus, die beiden Ehebrecher. Der Brummbär und seine Kammerzofe wirken eher wie die Außenseiter in Fellinis Kultfilm «La strada». Riccardo Zanellato wandert als Heinrich VIII.

mit einer Krone aus Pappmaché und abgetragenem Pelzmantel etwas ziellos umher, Jane Seymour, der man die Vertraute der Königin und glamouröse Geliebte des Regenten kaum abnimmt, überzeugt gelblich perückt, in enganliegender schwarzer Schürze weit mehr als Dienerin all der gestylten Damen, die hier in seidenglänzenden 30er/40er-Jahre-Gewändern den schrägsten Königshof der Welt bevölkern.

Alfonso Antoniozzis Vision für «Anna Bolena» in Parma könnte man so beschreiben: ein bisschen Pathos nach Art einer Histo-Serie wie «Downton Abbey», im Hintergrund atmosphärisches Leuchten im Turner-Stil, dazu Jugendstil-Fenster, Tudor-Friese und champagnerschlürfende Herren in Dinnerjackets. Es tummeln sich Militäruniformen aus der Zeit Karl V. von Habsburg neben solchen à la Georg VI. von England, Speere und Helme treffen auf moderne Handfeuerwaffen und so weiter. Antoniozzi, ein tüchtiger Buffobass, der erst kürzlich ins ...

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Opernwelt März 2017
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Carlo Vitali

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