Rampentheater, auseinandergezogen

München: Bayerische Staatsoper: Beethoven: Fidelio

Dem Feind Säure ins Gesicht geschüttet, den Gatten befreit, «namenlose Freude» besungen – doch da gibt es noch vier weitere Gefangene. Aufgeteilt auf drei Käfige schweben sie vom Schnürboden. Vier Herren im Frack sind das, Streicher des Bayerischen Staatsorchesters, die Partiturfremdes spielen: das Adagio aus Beethovens Quartett op. 132. Jenen «Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit», der berührt, innehalten lässt, den Augenblick viel besser kommentiert und überhöht als manch plakativ gestaltete «Leonoren»-Ouvertüre. Ein Moment, der den enttäuschenden Abend (fast) rettet.



«Fidelio» einmal nicht als Fascho-Drama, das ist – nach all den erschöpfend inszenierten Diktatur-Variationen – eine grundsätzlich sympathische Entscheidung. Ebenso die Eliminierung vieler Holperdialoge zugunsten überraschend passender Texte von Jorge Luis Borges. Regisseur Calixto Bieito zielte bei seinem späten Debüt an der Bayerischen Staatsoper auf anderes: auf die Freilegung des individuellen Konfliktfeldes, in dem sich Leonore und Florestan bewegen. Folgerichtig ließ er sich von Rebecca Ringst eine monumental aufragende Labyrinthkonstruktion bauen, durch die das Personal in zuweilen lähmender ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Sich selbst treu bleiben

Berlin, 1986. In der Theatermanufaktur zeigt die Berliner Kammeroper «Elegie für junge Liebende». Ich betrete den Raum und bin sofort fasziniert: der offene Raum ungewöhnlich genutzt, rechts ein hervorragend spielendes Orchester unter der Leitung von Brynmor Jones, links auf einer Empore Regine Schudel als Hilde Mack, vor einem riesigen Alpenveilchen, das immer...

Aktion statt Konzept

Manchmal gibt es merkwürdige Synchronizitäten. Im Juni 2010 widmete sich Claus Guth an der Wiener Staatsoper bereits zum zweiten Mal Wagners «Tannhäuser» und zeigte einen Titelhelden, dem alles Heldische fremd blieb, der vielmehr zwischen Realität und Virtualität gefangen schien und nach diversen inneren und äußeren K(r)ämpfen schließlich im Irrenhaus landete...

Unter der Prophetensonne

Die großen Opern Giacomo Meyerbeers werden selten gespielt. Das liegt nicht nur an den exorbitanten Anforderungen an die Sänger der Hauptpartien und am szenischen Aufwand. Auch die Quellenlage ist prekär: Meyerbeer pflegte mehr Musik zu komponieren, als er brauchte, und die endgültige Fassung der Oper erst während der Proben zu erstellen. Was nach oft radikalen...