Radikal individuell
Die Zeit, versprach einst Gilbert Bécaud, nehme alle Probleme fort und löse sie auf.
Doch welche Zeit meinte er eigentlich? Die auf der Uhr ablesbare objektive? Oder die subjektive, die sich nicht nach Stunden und Tagen bemessen lässt? Das Berliner Festival Maerzmusik, wo man für gewöhnlich Originalität mit Aktualität verwechselt und noch immer an eine Neue Musik im emphatischen Sinne glaubt – was zur Folge hat, dass bei diesem Festival die größten zeitgenössischen Komponisten grundsätzlich ignoriert werden – ausgerechnet Maerzmusik drang jetzt einmal zu Wesentlichem vor: Das «Festival für Zeitfragen» widmete sich der Frage nach der Zeit.
Konferenzen und Lesegruppen thematisierten die seit einigen Jahrtausenden herrschende lineare Zeit, die eine Metaphysik der Präsenz heraufgeführt hat, der wir Christentum und Kapitalismus verdanken, Aufklärung und Wissenschaft und nicht zuletzt die moderne Kunst. Gerade der auf den Paradigmen Fortschritt, Novität, Befreiung beharrende Avantgardismus ist ohne das teleologisch normierte Zeitverständnis undenkbar. Die unter dem Desiderat Decolonizing Time geführten Diskurse mündeten daher etwas überraschend, aber unweigerlich in den Ruf nach einer ...
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Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Magazin, Seite 83
von Volker Tarnow
Es geht ihm durchaus um Schönheit, Wahrheit, musikalische Logik, nicht jedoch um Konsens und Konsum. Lange haftete Helmut Lachenmann das Etikett des Zerstörers, Verweigerers, des «Geräuschkomponisten» an. Noch bei der Uraufführung seines «Mädchens mit den Schwefelhölzern» 1997 in Hamburg polemisierte der «Spiegel» unverhohlen. Inzwischen wurde das Stück in ganz...
Stockholm oder Boston? Der stellvertretende Hausherr entscheidet sich zunächst für einen italienischen Operettenstaat, was im ersten Bild zu den üblichen Augenschmerzen führt. Danach hat Operndirektor Horst Kupich, der diesen Verdi eigenhändig inszeniert, seinem Ausstatter weitgehend Farbenverbot verordnet: nur noch rot und schwarz, dazu etwas weiß! Die Sache läuft...
Die Geschichte vom Kaufmann, der seine in einen Mittellosen verliebte Tochter auf Teufel komm raus mit einem reichen Geschäftspartner aus dem Ausland verheiraten will, welcher aber dankend verzichtet und das Glück der Liebenden begründet, wurde schon in Rossinis einaktiger Farsa «La cambiale di matrimonio» (1810) behandelt. In Donizettis früher Buffa «Olivo e...
