Puccini: Tosca

Augsburg

Wir schreiben das Jahr 1973, gerade hat der Diktator Pinochet in Santiago de Chile die Macht an sich gerissen. Also gibt es in dieser «Tosca» keine Kirche mit Kapellen und einem Maler bei der Arbeit, sondern einen schlichten Raum mit eingemauerter Madonna und angrenzendem Fotolabor, das auch eine konspirative Wohnung sein könnte.

Später, wenn die Musik des Te Deum langsam, brütend beginnt und sich gewaltig steigert, fahren die Wände hoch und ­geben den Blick frei auf ein surreales Ambiente: Scarpias Schreibtisch im Zentrum, neben dem lasziv ein Animiermädchen tanzt, umgeben von Krankenschwestern und Patienten. Der Chef der Militärjunta dagegen steht außerhalb – buchstäblich im Rampenlicht.
Philipp Kochheim hat genau auf die Musik gehört und die Veränderung ihres imaginären Raums in Szene gesetzt. Aber auch sonst bietet der Regisseur eine präzise Zeichnung von Figuren und Situationen: Toscas Eifersucht spricht aus wenigen Gesten und Blicken, ihr Begehren aus dem Buhlen um den Geliebten in feiner Reizwäsche. Wie sie von Spoletta die Beruhigungsspritze verabreicht bekommt – und in Trance Angelotti verrät; wie sie ihr «Vissi d’arte» in Embryostellung auf einer Krankenliege beginnt, ...

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Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Kurz berichtet, Seite 60
von Klaus Kalchschmid

Vergriffen
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