Prozession, multimedial

Jörg Königsdorf über die szenische Uraufführung der «Heiligen Johanna» von Walter Braunfels in Berlin

Am Ende stehen drei Kreuze: In lichtem Lohengrin’schen A-Dur, der in ihrem doppelten Symbolgehalt – sie steht zugleich für Golgatha und die heilige Trinität – wohl christlichsten aller Tonarten, verkündet der Chor am Ende von Walter Braunfels’ Jeanne d’Arc-Oper den Sieg des Glaubens. Die Befreierin Frankreichs ist zwar auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, doch ihr Herz blieb unversehrt – und am Ende triumphiert nicht der Satan, sondern die Hoffnung.


Als Walter Braunfels dieses Finale seiner «Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna» schrieb, hatte er solchen Seelentrost selbst bitter nötig: Seit zehn Jahren lebte er, als Halbjude schon 1933 seines Amtes als Rektor der Kölner Musikhochschule enthoben, in seinem Haus am Bodensee in der inneren Emigration. Der einstige Erfolgskomponist, dessen Aristophanes-Oper «Die Vögel» in den zwanziger Jahren weltweit Furore gemacht hatte, war so gut wie vergessen, durch Aufführungsverbot seiner Werke aus dem öffentlichen Bewusstsein ausradiert. Es braucht das Wissen um diesen Hintergrund, wenn man die ganze Tragweite der «Heiligen Johanna» begreifen will: Denn das zwischen 1938 und 1942 entstandene Stück ist nicht bloß ein veropertes ...

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Opernwelt Juni 2008
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jörg Königsdorf

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