Projektionen

Janácek: Aus einem Totenhaus Prag / Nationaltheater

Muss das sein? Das ist der erste Gedanke, als sich der prächtige Vorhang des Prager Nationaltheaters hebt. Der Blick fällt auf eine riesige Projektion mit dem Konterfei Leos Janáceks, vor das, mit Fräcken angetan, die Sänger treten, um sich einer nach dem anderen vom Gefängniswärter in das Lager bzw. die Oper einweisen zu lassen.

Doch wozu dieses szenische Anführungszeichen? Sind Dostojewskis bedrückende Aufzeichnungen über seinen Aufenthalt in einem sibirischen Straflager und ihre Veroperung schon so historisch geworden, dass sie eines Rahmens bedürfen? Während dieser Gedanken weicht die Projektion und gibt den Blick auf die ganze Bühne frei: Sie zeigt das Straflager als einen mit Graffitti besprühten, verwahrlosten lost place, wo den neu ankommenden Häftlingen nun die Anstaltskleidung verpasst wird. In der Mitte des Raums liegt ein malerisch ramponierter Konzertflügel: Er ist die vielleicht etwas buchstäblich geratene szenische Übersetzung des verletzten Adlers, der von den Gefangenen gepflegt und vom Komponisten zum mächtigen Symbol für die Freiheit erhöht wird.

Weil Fräcke und Flügel zwar für die Musik selbst, aber auch für einen ritualisierten Konzertbetrieb stehen könnten, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Carsten Niemann

Weitere Beiträge
Das Geheimnis der Oberfläche

In Estland, diesem Vorposten des alten Europa am äußersten Zipfel der Ostsee, spielt die Kultur eine wichtige Rolle. Auch in dem Bestreben, dem als bedrohlich empfundenen Einfluss Russlands zu entkommen und sich dem Westen zu öffnen. Als Großmacht des Chorgesangs verfügt Estland über eine lange eigene Tradition. Nicht zuletzt Dirigenten wie Tõnu Kaljuste oder die...

Endspiel einer Lebenslüge

Eine Goldküsten-Residenz, gebaut im tadellosen Schick nicht mehr ganz aktuellen Zeitgeschmacks. Ein Schlafgemach in Crème neben dem kühlen Speisesaal. Ein holzvertäfelter Flur, ein marmoriertes Büro, alles standesgemäß dimensioniert – die schönsten Interieurs sind eben doch in Zürich zu sehen. Ben Baurs Bühne schiebt sich hin und her, der Bildausschnitt wandert von...

Impressum

Impressum

56. Jahrgang, Nr 7
Opernwelt wird herausgegeben von
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin

ISSN 0030-3690
Best.-Nr. 752280

Redaktion Opernwelt
Nestorstraße 8-9, 10709 Berlin
Tel.: +49(0)30/25 44 95 55
Fax: +49(0)30/25 44 95 12
E-Mail: redaktion@opernwelt.de

Redaktionsschluss dieser Ausgabe
war der 09.06.2015

Redaktion
Wiebke Roloff
Albrecht Thiemann (V. i. S. d....