Produktive Überforderung

Wie das Nationale Symphonie Orchester von Taiwan den ersten «Ring» der Landesgeschichte stemmte

Wer in Taipeh bestehen will, muss clever sein, sagt Kuang-Ching Sung, erster Posaunist des Nationalen Symphonie Orchesters von Taiwan (NSO). Offen für alle Wechselfälle des Lebens und vor allem schnell. Wohl wahr. Das Tempo der Millionenstadt am Nordwestrand der Insel, die seit 1949, nach der Flucht der von Maos Volksarmisten geschlagenen Kuomintang, als (demokratische) Re­publik China firmiert, ist so atemraubend wie die heiße, nach Wasser und Benzin schme­ckende Luft, die in den Straßen hängt.

Tag für Tag mischt sich das Knattern hunderttausender Motorroller mit dem dröhnenden ­Sound unüberschaubarer Automassen zu einer kakophonisch gellenden Unendlichen. Alles tönt auf engs­tem Raum durcheinander, alles scheint im Fluss. Sogar das grüne Ampelmännchen ist hier in Aktion: Kaum leuchten die Zahlen der Countdown-Uhren auf, die den Fußgängern bedeuten, wie viele Sekunden für die Straßenquerung bleiben, geht die kleine Ampelfigur auch schon zügig los; je dichter die Zeitanzeige gen null rückt, desto schneller wird der Schrittrhythmus.
Nicht selten müssen sich Kuang-Ching Sung und seine dreiundneunzig Mitstreiter in Taiwans führendem philharmonischem Kollektiv ein wenig wie das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gioia di cantare

Leyla Gencer lässt sich nicht entmutigen. Bei ihrem tosend umjubelten Auftritt am Schlussabend der «Leyla Gencer Voice Competition» (in der zum Komplex des Topkapi gehörenden ehemaligen byzantinischen Kirche der Hagia Eirene) wirkt die zerbrechlich gewordene, aber noch immer voll innerer Energie sich zeigende Doyenne ein wenig wie Claire Zachanassian. Doch sie ist...

Schmalspurbarock

Der Anfang überrumpelt: Eine wüste Soldateska im Kampfanzug von Fallschirmjägern stürzt auf die Bühne, seilt sich teilweise aus dem oberen Rang des Globe-Theaters ab und hält eine zum Festmahl versammelte Gesellschaft brutal in Schach. Da fühlt man sich, verstärkt durch den direkten Kontakt zur Spielfläche im Provisorium «RheinOperMobil», an Peter Sellars’...

Verdi: Otello

Verdis «Otello» fasziniert durch den Wechsel von geballter dramatischer Wucht und lyrischen Passagen. Dass das Theater Regensburg zur Spielzeiteröffnung diese Herausforderung bestanden hat, ist in erster Linie der musikalischen Seite zu danken. Das Orchester hatte ­einen großen Abend. Der Eingangschor kam mit Verve über die Rampe, legte die Richtung fest, in die...