Prima le parole!
Den jungen Cembalisten aus Buffalo traf es wie ein Donnerschlag, als ein Freund ihm 1966 eine Aufnahme von Rameaus «Hippolyte et Aricie» vorspielte. Mit dem English Chamber Orchestra unter Anthony Lewis, Janet Baker sang Phèdre. Für William Christie war das eine Art Erweckungserlebnis oder wenigstens ein Wegweiser. Wenige Jahre später (es sah so aus, als könnte er sich der Einberufung zum Vietnamkrieg nicht länger entziehen) emigrierte er nach Paris – und wurde zur Schlüsselfigur der französischen Barockszene.
Seine Karriere nahm Fahrt auf, als er 1979 sein eigenes Ensemble gründete. Zwei Jahre später machten Les Arts Florissants mit Charpentiers «Actéon» von sich reden, fünf Jahre später waren sie reif für die große Bühne: Die Opéra Comique setzte Lullys «Atys» auf den Spielplan. Inzwischen ist das Orchester 35 Jahre alt – und sein Chef feiert am
19. Dezember seinen Siebzigsten.
Lewis’ Rameau-Aufnahme war damals eine Pioniertat. Aber wie anders klingt «Hippolyte et Aricie» fast 50 Jahre später, im Sommer 2013, als Christie das Stück in Glyndebourne dirigiert: vibrierend vor Sprungkraft, detailreich durchgestaltet, elegant phrasiert (die Inszenierung von Jonathan Kent, der das ...
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Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Wiebke Roloff
Er atmet schwer, der alte Mann. Einen weißen Leinenanzug hat er angelegt. Als werde es bald Frühling oder Sommer in seinem leeren Lebensabendbunker. Schlurft hierhin, dorthin, hält inne, horcht und blinzelt, ob sich was regt im Halbdunkel zwischen den anthrazitgrauen Wänden. Aber es bleibt still. Kein Laut, nirgends. Nicht mal der schüttere Herbstlaubregen, der aus...
Piotr Beczala hatte im vergangenen Jahr ein Operettenalbum vorgelegt, das die Fans des Genres restlos glücklich machte. Die sämige Geschmeidigkeit seines lyrischen Tenors, die leicht slawische Sprachfärbung, die k.u.k-Nostalgie beschwört, der spürbare Spaß am Kitsch. Der Pole kommt den großen Vorbildern aus der Schellack-Ära sehr nahe, vor allem Richard Tauber....
Es vergeht kein Monat, ohne dass neue hörenswerte Aufnahmen mit Countertenören auf den Markt kommen. Drei der vier Sänger, deren neueste Alben hier vorzustellen sind, gehören schon zu den etablierten Vertretern ihres Fachs. Der junge Italiener Raffaele Pe ist noch nicht so bekannt, und ob es ihm gelingen wird, zu den Stars der Countertenorszene aufzuschließen,...
