Postapokalyptisch

Kagel: Mare nostrum
Köln | Oper | Staatenhaus

Das Mittelmeer hieß im Römischen Reich mare nostrum, unser Meer, das Meer der Europäer. Wir sind nicht für jedes Leid der Welt zuständig. Für das Leid in unserem Meer sind wir zuständig. Wenn wir den Tod im Mittelmeer verhindern können, müssen wir ihn verhindern.» Das schrieb Jakob Augstein im Juli dieses Jahres im «Spiegel» in einem moralischen Appell unter dem Titel «Leben und sterben lassen».

Die Oper Köln hat den Satz im Programmheft zur Neuproduktion von Mauricio Kagels «Mare nostrum» abgedruckt – einer Art szenischen Kantate, in der es genau um jene Themen geht, die uns heute zum Thema «Mittelmeer» einfallen: Tod und Überleben, Machtdemonstration, Nationalismus, kulturelle Deutungshoheit – und vielleicht ein bisschen auch Solidarität.

Die Grundidee von «Mare nostrum», das von den Berliner Festwochen 1975 zum Thema «Musik des Mittelmeers» bestellt wurde, spiegelt die politische Atmosphäre der Zeit nach den Revolten von 1968 und das Interesse für die einstigen Kolonien in Afrika und Lateinamerika wider, ist aber zugleich eine aberwitzige, typisch Kagel’sche Geschichtsverdrehung. Was wäre gewesen, so fragte sich der von Buenos Aires nach Köln «emigrierte» Komponist, wenn nicht ...

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Opernwelt November 2018
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Michael Struck-Schloen

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