Politischer Weltbürger

EdwardW. Said hat 20 Jahre lang über Musik geschrieben – jetzt liegt eine Auswahl seiner Essays und Kritiken auf Deutsch vor

Im deutschsprachigen Raum war der 2003 verstorbene Literaturwissenschaftler Edward W. Said bis zur Jahrtausendwende, als er gemeinsam mit Daniel Barenboim in Weimar das West-Eastern Divan Orchestra gründete, nahezu unbekannt.

Wer sich an Hochschulen mit Politik und Kultur der arabischen Welt beschäftigte, hatte natürlich seine 1978 veröffentlichte Studie «Orientalism» gelesen – ein Buch, das die westliche Orient-Rezeption in Wissenschaft und den Künsten als eine Geschichte von Zerrbildern erzählt, mit denen der «aufgeklärte» Okzident vor allem ein Ziel verfolge: sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern. Dass diese Abrechnung von einem in Jerusalem geborenen Palästinenser formuliert worden war, der in Harvard, Yale und an der New Yorker Columbia University lehrte, sicherte ihm in den USA eine Aufmerksamkeit, die Intellektuellen aus Kairo (wo er aufwuchs), Damaskus oder Beirut nie zuteil geworden wäre. Said beherrschte nicht nur den akademischen Diskurs, er konnte seine Sache ebenso brillant in Fernsehen, Radio oder Zeitungen vermitteln. Sein Lebensthema war Israel, Palästina und der Konflikt im Nahen Osten – auch wenn (oder weil?) er selbst die Verwerfungen in der «Heimat» stets aus der Distanz beobachtete und analysierte. Immer wieder geriet er dabei zwischen die Fronten – ein Querdenker, der die blutige Praxis der israelischen Sicherheitspolitik so scharf attackierte wie den zum Dschihad verklärten Terror der palästinensischen Selbstmordkommandos. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Medien / Buch, Seite 38
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ich sing’ jetzt ein Lied über gar nichts

Als «Opernwelt» und «Theater heute» ihren 50. Geburtstag feierten, erklärte die Kölner Intendantin Karin Beier, dass Theater alles bewirken solle: das Ende des Konflikts in Afghanistan, die Verflüchtigung des Ölteppichs im Golf von Mexiko, die Beseitigung der Arbeitslosigkeit... Ihr Sarkasmus über falsche Erwartungen gab das Stichwort. In der Neuköllner Oper...

Nach dem Sturm

Wenn die Dinge, das Denken und das Fühlen nur noch unterwegs sind, wenn sie keinen Halt mehr kennen, der die Bewegung unterbrechen, ihr Maß, Rhythmus und Sinn verleiht, wächst die Sehnsucht nach dem, was Ernst Bloch mit dem Wort «Heimat» meinte – die Utopie des mit sich und der Welt versöhnten Menschen. Je reißender, unüberschaubarer der Strom des beschleunigten...

Unerschöpflich menschlich

Die Händelitis treibt weiter Blüten, auch im Jahr eins nach dem großen Jubiläumsrausch. Aus dem Norden Deutschlands kommt eine Aufnahme des «Judas Maccabaeus», eines Werks, das diskografisch merkwürdig unterrepräsentiert ist. Ob’s am relativ handlungsarmen Libretto liegt? Oder an den Schwierigkeiten, eine stimmige Fassung zu erstellen, zumal Händel selbst von...