Passion der Glücksritter
Wer derzeit durch die internationalen Opernpläne scrollt, staunt nicht schlecht: Just Igor Strawinskys «The Rake’s Progress», der nach der venezianischen Uraufführung im Jahr 1951 in den Augen progressiver Kreise den Ruf vom «Reaktionär» Strawinsky eindrucksvoll zu bestätigen schien – diese einzige «echte» Oper des russischen Weltbürgers erfährt derzeit etliche szenische Wiederbelebungen.
Was manchen Kritikern Anlass gibt, genussvoll über das Altern der Moderne zu meditieren und Strawinskys Gegenposition zu Dodekaphonie und Musikdrama als letztlich siegreiche Alternative zur Avantgarde zu feiern (der sich Strawinsky übrigens direkt nach der Premiere des «Rake» im einzigartig kargen Spätwerk selbst anschloss).
Da aber solche ästhetisch-ideologischen Debatten selten den Alltag der Spielplangestaltung bestimmen, könnte eine andere Fragestellung den «Rake»-Boom ausgelöst haben: Wie würde die Karriere des Träumers und rücksichtslosen Selbstverwirklichers Tom Rakewell, in der sich Elemente des «Faust», aber auch des aufhaltsamen Aufstiegs Hitlers niederschlugen, heute verlaufen – in einer Welt der globalen Glücksritter, der steigenden Armut und brutalen Freiheitsberaubung in den ...
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Opernwelt August 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Michael Struck-Schloen
Ein Orchestergraben – wie gehabt. Pulte, Stühle. Bloß keine Musiker. An deren Stelle eine Unzahl von Lautsprechern, welche die Eingebungen eines real existierenden Dirigenten scheinbar spontan umsetzen. Doch die Musik ist natürlich virtuell; von einem Pult im Zuschauerraum aus operiert die Tontechnik mit Reglern und Schiebern.
So etwas erlebte man nicht in Valencia,...
God save our gracious Queen. Aus dem Schaufenster eines Souvenirladens an der Piazza von Covent Garden sehen wir im Vorbeigehen die Königin winken, ein putziges Figürchen, angetrieben über eine Solarzelle; das Winken scheint daher endlos, vielleicht noch mal eine diamantene Spanne lang. Im Royal Opera House blicken wir dann auf die andere Langzeitdienerin am...
Die aktuelle Produktion von Verdis «Don Carlo» an der Wiener Staatsoper ist ein Rückschritt. Seit 2004 bot das Haus die französische Urfassung in der feinsinnig durchgearbeiteten (gleichwohl zunächst heftig angefeindeten) Inszenierung von Peter Konwitschny – zuletzt im Frühjahr 2012. Ob sie auch in Zukunft gezeigt werden wird, will niemand klar sagen. Dass ihr die...
