Passion der Glücksritter
Wer derzeit durch die internationalen Opernpläne scrollt, staunt nicht schlecht: Just Igor Strawinskys «The Rake’s Progress», der nach der venezianischen Uraufführung im Jahr 1951 in den Augen progressiver Kreise den Ruf vom «Reaktionär» Strawinsky eindrucksvoll zu bestätigen schien – diese einzige «echte» Oper des russischen Weltbürgers erfährt derzeit etliche szenische Wiederbelebungen.
Was manchen Kritikern Anlass gibt, genussvoll über das Altern der Moderne zu meditieren und Strawinskys Gegenposition zu Dodekaphonie und Musikdrama als letztlich siegreiche Alternative zur Avantgarde zu feiern (der sich Strawinsky übrigens direkt nach der Premiere des «Rake» im einzigartig kargen Spätwerk selbst anschloss).
Da aber solche ästhetisch-ideologischen Debatten selten den Alltag der Spielplangestaltung bestimmen, könnte eine andere Fragestellung den «Rake»-Boom ausgelöst haben: Wie würde die Karriere des Träumers und rücksichtslosen Selbstverwirklichers Tom Rakewell, in der sich Elemente des «Faust», aber auch des aufhaltsamen Aufstiegs Hitlers niederschlugen, heute verlaufen – in einer Welt der globalen Glücksritter, der steigenden Armut und brutalen Freiheitsberaubung in den ...
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Opernwelt August 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Michael Struck-Schloen
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