Missbrauchte Kindheit

Corbett: «Das große Heft», Osnabrück / Theater

Der 1986 erschienene Roman «Das große Heft» der französisch schreibenden Exil-Ungarin Ágota Kristóf gehört, gerade weil er sich in seiner lakonisch-nüchternen Schreibweise nicht um das Innenleben der Figuren kümmert, zu den beklemmendsten Texten, die je über den Krieg geschrieben wurden. Er handelt von neunjährigen Zwillingsbrüdern, die bei Kriegsausbruch zu ihrer von den Dorfbewohnern als Hexe verschrienen Großmutter gebracht werden. Um zu überleben, müssen sie sich abhärten und so roh und mitleidlos wie ihre Umwelt werden. Was sie dabei erleben, tragen sie in ein Heft ein.

Als einzige Regel gilt: «Der Aufsatz muss wahr sein.» Der in Mannheim als Kompositionsprofessor lehrende Amerikaner Sidney Corbett hat aus der Vorlage, mit librettistischer Unterstützung des Osnabrücker Intendanten Ralf Waldschmidt, einen epischen Bilderbogen von 23 Szenen gezogen, der sich konsequent an die Protokolle der Kinder hält.

Dabei bewahrt Corbetts Version sowohl in der Dramaturgie wie in der Musik streng den Geist der Vorlage. Auch Corbett stellt die Figuren – allein schon dadurch, dass die beiden namenlosen Zwillinge immer mit gleichsam einer Stimme singen – geradezu holzschnittartig auf die Szene ...

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Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Uwe Schweikert